Warum Amerikaner in den Himmel kommen

Die weitaus meisten Amerikaner sind fromm und glauben an ein Weiterleben nach dem Tod. Todesanzeigen drücken zweifelsfrei die Überzeugung aus, dass der liebe Verstorbene nun im Himmel und bei Gott ist.

Der Europäer, der sich für aufgeklärt hält, glaubt, dass Modernisierung Hand in Hand gehe mit Säkularisierung. Je moderner und technologisch fortgeschrittener eine Gesellschaft sei, desto weniger religiös seien ihre Menschen. Die europäische Geschichte scheint dieser Annahme Recht zu geben. Religion ist hier allenthalben auf dem Rückzug. Die Kirchen sind leer. Auch wenn sich die Mehrheit nicht offen zum Atheismus bekennt, hat es doch den Anschein, als spiele für die meisten Menschen Religion als praktizierte Glaubensüberzeugung keine Rolle mehr. Höchstens bei bestimmten Anlässen wie Taufe, Hochzeit und Beerdigung erinnert man sich bestimmter Traditionen, die früher einmal Ausdruck gelebter religiöser Praxis waren. Heute aber sind sie meist bequeme Konventionen, quasi folkloristische Veranstaltungen, die man zur Überhöhung von bestimmten Ereignissen in einem ansonsten religionsfreien Leben braucht. Ist jemand so rückständig, die Möglichkeit eines Himmels zu erwähnen, erntet er seitens des sich auf der Höhe des Zeitgeistes befindlichen Europäers ein mitleidiges oder spöttisches Lächeln.

In Europa hat sich tatsächlich seit der Aufklärung und unter dem Ansturm der Moderne Religion aus dem öffentlichen Leben verflüchtigt. Sollte man nicht erwarten, dass das Land, das geradezu als die Verkörperung von Modernität und Fortschritt gilt, nämlich Amerika, eine ähnliche Entwicklung durchgemacht hat? Erstaunlicherweise ist das nicht der Fall. In den USA scheinen sich religiöser Glauben und modernes Leben nicht zu widersprechen. Wissenschaft, rasanter technologischer Fortschritt, Massenmedien, Werbung, konsumorientierter Lebensstil, Liberalisierung traditioneller Moralvorstellungen – sie alle haben nicht vermocht, die Religion aus dem öffentlichen Leben zu verdrängen. Auf Münzen und Dollarscheinen steht „In God We Trust“. Politiker erbitten am Ende ihrer Reden den Segen Gottes für ihr Land, und sogar Hausbesitzervereine beginnen ihre Jahresversammlung mit einem gemeinsamen Gebet. Selbstverständlich sind die Kirchen meist bis zum letzten Platz gefüllt. Und allenthalben wird Gutes getan. In keinem Land der Erde spenden Wohlhabende so viel für Notleidende wie in Amerika. Möglicherweise sind sie deswegen dagegen, dass die Regierung mehr staatliche Maßnahmen zur Linderung der Not einführt. Es würde ihnen die Möglichkeit rauben, aus privater Initiative selbst Gutes zu tun und sich so als mustergültiger Bürger und rechtgläubiger Christ zu beweisen.

Wenn auch nicht von der Verfassung vorgegeben, so ist doch seit Präsident Jefferson und seiner Forderung einer „Trennmauer zwischen Kirche und Staat“ eine Tradition entstanden, die beide Bereiche auseinanderhält. Immer wieder im Lauf der Geschichte hat diese Trennung zu Konflikten geführt. So ist seit den 60er Jahren das offizielle Gebet in öffentlichen Schulen verboten, sehr zum Leidwesen der religiösen Rechte. Diese besteht aus verschiedenen Grassroot-Bewegungen und Sekten wie z.B. Evangelikale, Fundamentalisten, Pentecostels und Charismatikern. Für sie alle bedeutet das Verbot des Schulgebets die Vertreibung Gottes aus der Erziehung, was dann den moralischen Verfall der Gesellschaft – Ehescheidungen, Abtreibungen, Homosexualität – zur Folge habe. Immer wieder mal versuchen sie, das allgemeine Schulgebet wieder einzuführen, bisher allerdings ohne Erfolg. Die politische Rechte, d.h. die Republikaner, drängen zur Zeit (Oktober 2013) den obersten Gerichtshof, dass er den Abgeordneten des Kongresses erlaubt, jeden Morgen beim Beginn ihrer Regierungsgeschäfte über „ihre Pflichten zu reflektieren, eingedenk der nationalen Grundwerte und der Notwendigkeit göttlicher Hilfe bei der Ausübung ihrer Verantwortung“ (1).

Zwar stimmt es, dass auch in Amerika die Zahl der nicht einer bestimmten Kirche angehörenden Menschen zunimmt. Wie eine Studie des Pew Research Center 2012 feststellte, waren dies fast 20 Prozent der Amerikaner. Doch das Desinteresse an der organisierten und institutionalisierten Religion, die Verweigerung einer Kirchenzugehörigkeit bedeutet keineswegs immer die Absage an Religiosität. Es ist auch nicht ein neues Phänomen. Zur Zeit der amerikanischen Revolution (um 1776) gehörte nur ein Fünftel aller Amerikaner zu einer Kirche, zur Zeit des Bürgerkriegs (um 1860) war es etwa ein Drittel (2). Die Tatsache, dass heute unter den Unter-Dreißigjährigen sogar 32 Prozent nicht zu einer Kirche gehören, lässt vermuten, dass die Abwendung von Kirchen, also von Formen institutionalisierter Religion, sich in Zukunft verstärken wird.

Im Unterschied zur älteren Generation beugen sich viele jüngeren Menschen nicht mehr dem konventionellen Druck, sich irgendeiner Kirche anzuschließen und deren Glaubenstraditionen zu praktizieren. Sie sind die sogenannten „Unaffilliated“, die in der Pew-Studie die „Nones“ genannt werden (Nones on the Rise). In die Kirche gehen sie nicht mehr, aber nur 12 Prozent erklären sich für Atheisten, 17 Prozent für Agnostiker und 71 Prozent sind weder das eine noch das andere (3)). Den 20 Prozent, die sich von der Kirche verabschiedet haben, stehen laut dem Institute for the Study of American Evangelicals) ca. 39 Prozent leidenschaftlich bis fanatisch glaubende Evangelikale gegenüber (4). Zwischen diesen beiden Gruppen gibt es die große Mehrheit, nämlich jene 80 Prozent Amerikaner, die sich immer noch „wenigstens nominell zu der einen oder anderen christlichen Glaubensrichtung“ bekennen (5).

Seit Ankunft der frommen Pilgerväter 1670 definieren sich die USA als ein gottesfürchtiges Land. Sie tun es jeden Tag aufs Neue. Der 1942 vom Kongress eingeführte Treueeid (Pledge of Allegiance) wird bei Kongresssitzungen, lokalen Verwaltungsveranstaltungen, Treffen privater Organisationen und in den Klassen vor Beginn des Schultags von allen Teilnehmern geleistet. Stehend und mit der rechten Hand auf dem Herzen wird der Eid laut gesprochen: „Treue verspreche ich der Fahne der Vereinigten Staaten von Amerika und der Republik, die sie repräsentiert: eine Nation unter Gott, unteilbar, mit Freiheit und Gerechtigkeit für alle.“ Der europäische Beobachter, der Zeuge dieses Rituals wird, tut gut daran, seine gemischten Gefühle nicht sichtbar werden zu lassen. Der patriotische Flaggenkult der Amerikaner ist zu verstehen vor diesem historischen Hintergrund, in dem Vaterlandsliebe und Gottesgläubigkeit eine Einheit bilden und für das öffentliche Leben die religiöse Atmosphäre liefern.

Die meisten Amerikaner haben ein Verhältnis zum Tod, das sich gravierend unterscheidet von dem der meisten Europäer. Für viele Europäer ist Gott spätestens seit Nietzsche entweder tot oder aber, zumindest in ihrem eigenen Leben, total irrelevant. Das hat Folgen für ihr Verhältnis zum Tod. Befragt, was der Tod für ihn bedeute, antwortete Marcel Reich-Ranicki: „eine absolute Katstrophe“, danach komme nämlich nichts mehr. Reich-Ranickis Antwort steht repräsentativ für die pessimistisch- nihilistisch eingefärbte abendländische Stimmung. Dem Tod begegnet man mit Trauer und Hoffnungslosigkeit. Verzweiflung, falls man sich ihrer überhaupt bewusst ist, bekämpft man mit dem Heroismus eines Camus. Die beliebteste Problemlösung aber ist Verdrängung. Man denkt möglichst nicht an den Tod.

Alles ganz anders in Amerika. Auch da denkt man nicht gern an den Tod. Trifft er dann aber doch einmal ein, wird in der Zeitung die Mitteilung gemacht, dass „am 18. September unsere geliebte Mutter ihren neuen Job als Schutzengel im Himmel angetreten hat.“ Das ist eine Todesanzeige! Sie informiert nicht nur darüber, dass die gute Mutter in einer anderen Welt nicht nur weiterlebt, nein, sie hat dort sogar schon Arbeit gefunden, und in diesem Job als Schutzengel kann sie sogar den Hinterbliebenen noch nützlich werden. Da gibt es keinen Platz für Trauer, sondern nur Happyend für alle Beteiligten. Folgerichtig gibt es auch keinen Grund für Trauerfeiern. Stattdessen gibt es Veranstaltungen, in denen das Leben der Verstorbenen gefeiert wird (Celebration of Life). Bei diesen Feiern liegt der oder die Verstorbene im oft noch offenen Sarg mitten unter den Gästen, mit einem kunstvollen Makeup so lebensecht hergerichtet, dass man sich wundert, dass der Leichnam nicht aufsteht und mitfeiert. In der Zeitung kann man über eine Trauerfeier lesen: „Es wurden Lieder gesungen, ein moderner Tanz wurde vorgeführt und Verwandte und Freunde berichteten – meist in Form lustiger Episoden – über ihre Begegnungen mit der Verstorbenen. All das wurde begleitet mit Händeklatschen, begeistertem Beifall, freudigen Ausrufen von ´uh huh` und `Gelobt sei der Herr`. Zwei Stunden dauerte die ausgelassene Feier, in der Freunde und die Familie die Erinnerung an die Verstorbene wachriefen, an ihr breites Lächeln, ihre Großzügigkeit, ihre Energie und ihren Sinn für Humor.“ Zugegeben: Es gibt auch weniger ausgelassene Trauerfeiern. Aber eine optimistische Grundstimmung unterliegt allen. Auch der traurigsten Situation, dem tragischsten Unglück vermag der Amerikaner eine positive Seite abzugewinnen. Hoffnungslosigkeit, Pessimismus, Tragik – diese Lebensgefühle findet man in den großen amerikanischen Romanen, aber nur da. Nicht in der Realität des amerikanischen Alltags.

Was ist der Grund für diese unerschütterliche Fröhlichkeit? Der Grund scheint auf der Hand zu liegen: Die Mehrheit der Amerikaner versteht sich als Christen. Entweder sind sie leidenschaftliche Nachfolger Christi, Born-Again-Christians, oder sie stehen zumindest in christlicher Tradition und praktizieren die kirchlichen Rituale. Als Christen glauben sie an ein Leben nach dem Tod, an ein ewiges Leben. Dieser Glaube nimmt dem Tod nicht nur seinen Schrecken, sondern sieht ihn sogar als Tor zu einer neuen Existenz.

Aber wie begründet sich dieser Glaube der Amerikaner an ein Leben nach dem Tod? Wie kommt es, dass im heutigen Europa, dem ehemals christlichen Abendland dieser christliche, trostspendende Glaube weitgehend abhanden gekommen ist? Und wieso ist es möglich, dass sich Amerika seinen christlichen Glauben über vier Jahrhunderte nicht nur erhalten hat, sondern ihn – trotz aller Trennung von Staat und Kirche – im täglichen Leben praktiziert?

Die USA sind eine Nation, die gegründet wurde von Menschen, vorwiegend aus Europa, die irgendwann in ihrem Leben beschlossen hatten, die Heimat zu verlassen und in einem anderen Land ein neues Leben zu beginnen. Der Einwanderungsstrom hält bis heute an, kommt jetzt aber eher aus lateinamerikanischen und asiatischen Ländern. So sehr sich all diese Menschen, damals wie heute, sozial und kulturell unterscheiden, so unterschiedlich mögen die Gründe sein, die sie zum Verlassen der Heimat , veranlasst haben: Armut, politische Verhältnisse, gesellschaftliche Zwänge, Mangel an Freiheit usw. Eines haben aber alle diese Menschen gemeinsam, was ganz entscheidend ist: die psychologische Ausgangslage. Sie alle waren erfüllt von Hoffnung – von der Hoffnung, dass es ihnen gelingt, in dem andern Land ein neues, besseres Leben zu beginnen. Wer an diese Hoffnung nicht glaubte, für den kam Auswanderung nicht in Frage, der blieb zu Hause, egal wie miserabel es ihm ging. Die Mutigen aber mit der Hoffnung auf eine neue Existenz und dem Glauben, in Amerika ein besseres Leben, vielleicht sogar das Glück zu finden – denen gab die Hoffnung die Kraft, die sie brauchten, um sich auf das Abenteuer des Neuen einzulassen.

Hoffnung und Glaube, zukunftsgerichtet, offen für neue Möglichkeiten – das sind die Elemente der amerikanischen Psyche, die sich von einer Generation auf die nächste vererben. Aus ihnen begründet sich der genetische Optimismus der Amerikaner. Was immer die Zukunft bringt – es gibt kein Problem, das sich nicht mit Intelligenz, Kraft und – wenn die nicht ausreichen – mit Gottes Hilfe lösen lässt.

Ist es da ein Wunder, dass der Tod für den Amerikaner eine andere Bedeutung hat als für den Europäer? Wo der skeptische, zweifelnde und vielleicht sogar ungläubige Europäer einen absoluten Endpunkt der menschlichen Existenz zu erkennen meint, sieht der Amerikaner voller Hoffnung den Tod als Einwanderung in ein neues Land, als Transition, als Eintritt in eine neue, spirituelle Daseinsform. Er nennt diese kurz und einfach „Himmel.“

Auf die Schlussfrage: Wer hat denn nun Recht – der Europäer oder der Amerikaner? gibt es keine objektive Antwort. Aber eine andere Frage lässt sich leicht beantworten: Wessen Leben ist das glücklichere – das des Europäers oder das des Amerikaners?

Literatur:

(1) Senator Marco Rubio, Naples Daily News, 4.11.2013

(2) Naples Daily News, 13.4. 2013)

(3) www.pewforum.org/2012/10/09/nones-on-the-rise-religion

(4) www.wheaton.edu/ISAE

(5) www.gallup.com/poll

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