Evangelikale – die treuesten Anhänger Donald Trumps

„Ich könnte mitten auf der Fünften Avenue stehen und jemanden erschießen und würde keine Wähler verlieren.“ Das sagte Donald Trump als Bewerber um das Amt des Präsidenten am 23. Januar 2016 an einem christlichen College in Sioux Center, Iowa, und hatte Recht, denn er wurde ein paar Monate später zum Präsidenten gewählt. Recht behalten hat er auch vier Amtsjahre hindurch, denn die Zahl seiner eingefleischten Anhänger hat sich nicht verringert. Sie haben zu ihm gehalten, als seine sexuellen Eskapaden bekannt wurden, als er muslimischen Flüchtlingen die Einreise verweigerte, als er an der Grenze Kinder von ihren Eltern trennte, als er seine Unwahrheiten über „Twitter“ verbreitete.

Mehr als aus jeder anderen Bevölkerungsgruppe rekrutieren sich Trumps Anhänger aus den sogenannten Evangelikalen, einer besonders frommen Version von Protestanten. Laut einer Erhebung des Pew Forum on Religion & Public Life gibt es von ihnen in den USA ca. 80 Millionen, was einem Bevölkerungsanteil von 26,3 Prozent entspricht.

Die Ironie ist unübersehbar. Da jubeln konservative Christen einem Mann zu, der dreimal verheiratet war, seine augenblickliche Frau drei Monate nach der Geburt eines Kindes mit einer Pornodarstellerin betrog, sich seiner vielen Affären mit Frauen brüstet, als Geschäftsmann sechs Mal bankrott erklärte und dabei Investoren und Arbeiter betrogen hatte, und der sich zu all dem seiner Anhänger so sicher ist, dass sie ihn sogar als Mörder wählen würden. Sie finden eine Rechtfertigung dafür sogar in der Bibel. Jerry Falwell Jr., Präsident der evangelikalen Liberty University und prominenter Wortführer der Evangelikalen, erinnerte an König David: „Gott nannte König David einen Mann nach seinem Herzen, obwohl er ein Ehebrecher und Mörder war.“ Seine Glaubensgenossen ermahnt er: „Ihr müsst einen Führer wählen, der den besten König abgeben würde und nicht einen, der ein guter Pastor wäre.“ Na also, dann erscheint doch Donald Trump als der geeignete Mann. Man ist geneigt zu sagen: nicht trotz seines moralisch anrüchigen Lebens, sondern geradezu wegen dieses Lebens.

Hinzu kommt, dass Trump aus klugem Kalkül Mike Pence als Vizepräsident an seine Seite gestellt hat. Pence ist der führende Evangelikale der Republikanischen Partei, der schon als Gouverneur von Indiana mit seiner Unterzeichnung des Religious Freedom Restoration Act, der Evangelikale vor Gerichtsprozessen verschonen soll, gezeigt hat, dass er ein wackerer Streiter für die Sache der Evangelikalen ist. Ganz zu schweigen davon, dass er im äußeren Erscheinungsbild voll und ganz der Vorstellung des rechtschaffenen, aufrechten Saubermanns entspricht.

Evangelikale sind jene Menschen, die sich für das moralische Rückgrat der Nation halten. Seit Jahrzehnten kämpfen sie gegen die Verderbtheit des modernen Lebens. Freizügige Sexualität, Ehescheidungen, zerstörte Familien, Homosexualität, liberale Erziehung der Kinder, atheistische Indoktrination der Studenten in den Universitäten – all das sehen sie als die Folge der Abwendung Amerikas von Gott und seinen Gesetzen. Ihren leidenschaftlichsten Kampf führen sie gegen die seit 1972 gesetzlich erlaubte Abtreibung mit dem Ziel, das Gesetz wieder aufzuheben.

Diesen für die christlichen Werte kämpfenden Gläubigen sagte Trump, der nicht dafür bekannt ist, dass er ein Kirchgänger ist, genau das, was seine Zuhörer hören wollten: „Ich will euch sagen, dass das Christentum unter enormer Belagerung steht, ob wir darüber reden wollen oder aber auch nicht“ (Sioux Center).

Dem Außenstehenden muss es als enormer Widerspruch erscheinen, dass ein Mann wie Trump von den Evangelikalen als der Beschützer ihres Glaubens angesehen werden kann. Doch sie haben ihre Gründe. Um sie zu verstehen, muss man erklären, welche Stellung diese Evangelikalen innerhalb der amerikanischen Gesellschaft einnehmen. Hillary Clinton hat Trump-Wähler beleidigend als die „Deplorables“, die Bedauernswerten, bezeichnet. Damit ist die Missachtung ausgedrückt, der sich diese konservativen Menschen innerhalb einer modernen, liberalen Gesellschaft ausgesetzt sehen. Sie leben kaum in urbanen Zentren. Ihre Wohnorte liegen vorwiegend in den ländlichen Teile des Landes, wo sie ihr Mittelklasse-Leben relativ ungestört von den Wirren einer verderbten Zeit weiterführen können, wie in „den guten alten Tagen“, als die Familie noch in Ordnung war und Eltern und Kinder gemeinsam am Sonntag in die Kirche gingen. Von den Menschen an der Ostküste, wo die sogenannte „Elite“ wohnt, werden sie für Hinterwäldler gehalten. Sie sagen: „Wir sind die einzige Gruppe von Menschen, über die man sich lustig machen kann, die man die „Bedauernswerten“ nennen darf, weil wir unsere konservativen Werte haben. Aber jetzt kommt einer, der sagt, dass wir, die Mittelklasse, die mittel-amerikanischen Christen doch etwas wert sind, und er will uns Gehör verschaffen.“

Ihr patriotisches Glaubensbekenntnis lautet: „The American way of life means you follow the law, you work hard, you honor God, you raise your kids with strong values and you work to create a civil society.“ Die Gültigkeit dieses uramerikanischen Glaubensbekenntnisses, das das Wesen Amerikas, seine nationale Identität, auf eine Formel bringt, sehen die Evangelikalen im heutigen Amerika als bedroht an. Die moderne diverse Massengesellschaft hat, so glauben die Evangelikalen, Ideale wie Gottgläubigkeit, Gesetzestreue, harte Arbeit und strenge Kindererziehung obsolet gemacht und die Gesellschaft moralisch korrumpiert.

Trump trat an mit dem Versprechen, Amerika wieder „groß“ zu machen, es zu dem zu machen, was es einmal gewesen sein soll als alle die alten Ideale noch gelebt wurden. Von dem Regierungsestablishment in Washington könne man das nicht erwarten. Es müsse einer von außen kommen, der nicht Teil des Washingtoner „Sumpfes“ ist. Trump hat es verstanden, seinen Wählern das Gefühl zu geben, er sei einer von ihnen, ein Nicht-Intellektueller, ein Geschäftsmann, ein nicht zur „Elite“ gehörender Außenseiter, der die Korruption beseitigen werde.

Was bringt diese Menschen dazu, einem Präsidenten trotz seines moralisch zweifelhaften Charakters Treue zu schwören?
Zunächst sind es Gründe, die sich herleiten aus der spezifisch religiösen Grundüberzeugung der Evangelikalen, die nicht immer von der Gesamtbevölkerung geteilt werden. Der von den Evangelikalen seit Jahrzehnten leidenschaftlich geführte Kampf gegen die Abtreibung wird von Trump wie von keinem anderen Präsidenten vor ihm so demonstrativ unterstützt, dass die Evangelikalen hoffen dürfen, dass es Trump in einer zweiten Amtszeit gelingt, ein Gesetz von 1972 aufzuheben und die Abtreibung wieder zu verbieten.

Um diese Bestrebungen Gesetz werden zu lassen, bedarf es einer Besetzung des Obersten Gerichtshofes mit überwiegend konservativen Richtern. Trump verspricht, dass er im Fall seiner Wiederwahl bei anstehenden Neubesetzungen des Richteramts Richter ernennen wird, die religiöse und allgemein konservative Belange, wie etwa Verbot der Abtreibung, unterstützen.

Trump erklärte Jerusalem offiziell zur Hauptstadt Israels. Das hat für Evangelikale eine ganz besondere Bedeutung, und zwar keine politische, sondern eine theologische. Jerusalem spielt eine zentrale Rolle in der Eschatologie der Evangelikalen. Amerikanische Evangelikale, die die Bibel wörtlich verstehen, sind Anhänger der „pre-millennial dispensationalist theology.“ Es ist der auf biblischer Prophezeiung beruhende
Glaube, dass Christus zur Erde zurückkehren und hier ein tausendjähriges Reich des Friedens errichten wird. Die Evangelikalen sind überzeugt, dass Christus schon vor Entstehen dieses Reiches zurückkehrt. Voraussetzung dafür ist aber, dass die Juden in ihrer Hauptstadt Jerusalem wieder einen Tempel erbaut haben. Trump hatte sicherlich seine politischen Gründe für die Verlegung der amerikanischen Botschaft nach der Hauptstadt Jerusalem. Dennoch ließ er sich nicht die Gelegenheit entgehen, bei einer Rede in Oshkosh, Wisconsin, wörtlich zu versichern: „Ich verlegte die Hauptstadt Israels nach Jerusalem. Ich tat es für die Evangelikalen.“ Eine solche Aussage bringt Wählerstimmen ein, auch wenn sie vielleicht nicht wahr ist.

Trump wird von den Konservativen gesehen als der Präsident, der gemäß seinem Wahlkampfmotto „Make America great again“ dies auch nach außen hin demonstrieren will. Amerika soll wieder die machtvolle Position in der Welt einnehmen, die es einmal gehabt hat. Seine Wähler loben ihn dafür, dass sich Amerika nicht länger ausbeuten lässt mit unverhältnismäßig großen Beitragszahlungen an UNO, Nato und andere internationale Organisationen; dass er den Einfluss Chinas in der Welt eindämmen will, etwa mit ökonomischen Maßnahmen; dass er Länder, die nicht kooperativ sind, mit Sanktionen belegt; dass er das Pariser Klimaabkommen als für Amerika nachteilig
aufkündigt; dass er die Grenze zu Mexico abriegelt, um das weiße Amerika von Zustrom dunkelhäutiger Menschen zu schützen.

Wenn auch die Evangelikalen zu den treuesten Anhängern Trumps gehören, so gesellen sich zu ihnen doch auch die vielen, die zwar nicht religiös motiviert sind, aber dennoch der Meinung sind, dass viele der politischen Maßnahmen Trumps im Interesse der USA sind. Sie übernehmen die republikanisch-konservative Darstellung, dass Amerika ein Land ist, das am Abgrund taumelt und nur von Trump gerettet werden kann. Charlie Kirk, Gründer der konservativen Studentenorganisation Turning Point USA, warnte am Republikanischen Parteitag, dass die kommende Präsidentschaftswahl eine Entscheidung bringen wird „zwischen der Bewahrung Amerikas, so wie wir es kennen, oder der Eliminierung von allem, was wir lieben.“ Nach Kirk wird nur Trump, der „Leibwächter westlicher Zivilisation“, den Untergang verhindern können.

So klingen die Schmeicheleien und Übertreibungen der fanatischen Anhänger. Doch wie sieht sich der Geschmeichelte selber? Welches Bild von sich projiziert er seinen Wählern? „Ich bin das einzige Ding (sic), das zwischen dem amerikanischen Traum und der totalen Anarchie, dem Wahnsinn und dem Chaos steht“ (Rede beim Council for National Policy Meeting in Arlington, VA, 21.8.2020). Wenn er das wirklich glaubt, ist er wahnsinnig, sagen seine Gegner. Aber vielleicht ist diese Selbsteinschätzung einfach nur Kalkül, das auf die Dummheit seiner Anhänger setzt.

Vielleicht ist „Dummheit“ nicht die faire und richtige Beschreibung der Motivation von Evangelikalen und anderen Mittelklasse-Anhängern Trumps. Man muss ihnen zugutehalten, dass ein ganz starker Motivationsfaktor die pure Angst ist. Angst, dass ihr Land vor einer tiefgreifenden Veränderung steht und dass auch ihre eigene Situation sich radikal ändern wird. Sie fürchten sich davor, dass Amerika „brauner“ wird, dass die Weißen bald eine Minderheit in dem Land sind, von dem sie meinen, dass es ihnen doch rechtmäßig gehört. Nicht mehr würden weiße Familien in den Vororten unter sich sein, und nicht mehr würden rechtschaffene Ehepaare mit ihren Kindern sonntags in die Kirche gehen. Liberale Ideen würden die lange geltenden Werte auslöschen und der traditionelle amerikanische „Way of Life“ würde verschwinden. Der Einzige, der diese Entwicklung verhindern kann, ist Trump – so sagt er selber. In ihm sehen Evangelikale und andere Trump-Wähler den Beschützer, der diese Entwicklung nicht nur aufhalten, sondern sogar rückgängig machen will.

Damit würde er jenen Bevölkerungsgruppen die Macht erhalten, die sie jahrhundertlang gehabt haben und die sie nicht verlieren wollen.

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