Abschied vom alten Amerika

Noch lebt es, wenigstens in der Phantasie,  das Bild vom alten Amerika, wie es damals einmal war oder gewesen sein soll.  An Thanksgiving und anderen nationalen Feiertagen taucht es wieder auf, von Politikern beschworen, von den Menschen wehmütig erinnert. Meist ist es vor dem Hintergrund einer kleinen Stadt, irgendwo im Süden, wo sich die endlosen Sommertage heiß und träge dahin ziehen und der laue Wind das Spanische Moos in den majestätischen Eichenbäumen zum Flüstern bringt. Und in seiner Phantasie fühlt der Amerikaner die Sonne auf der Haut und atmet den süßen Duft von Magnolien und Jasmin. Am Ende des Tages sitzt er in seinem Schaukelstuhl auf der Veranda, lässt die Sorgen des Tages von sich abfallen, trinkt ein hohes Glas mit kaltem, süßen Tee und der Frieden des Abends  erfüllt ihn und seine rechtschaffenen Nachbarn, die wie er auf ihren Veranden im Schaukelstuhl die anbrechende Nacht erwarten. Freundliche Zurufe, spielende Kinder, Vogelgesang, Zirpen der Zikaden, zärtliches Flüstern des Windes und die Gemeinschaft der Menschen verschmelzen zu friedlicher Harmonie. Das Leben in diesen kleinen Städten war langsam und ruhig. Auch die Schwarzen am anderen, etwas schäbigen Ende der Stadt verhielten sich unauffällig und ruhig. Hispanics und Muslime gab es noch nicht. Die Welt war in Ordnung – aus der Perspektive des Schaukelstuhls. Damals.

Heute sieht die Welt anders aus. Moderne Häuser werden ohne Veranden gebaut und Menschen sitzen nicht mehr draußen, sondern drinnen vor den Fernsehapparaten. Und da sehen sie ein anderes Amerika. Hektische, getriebene Menschen, Kriminalität auf den Straßen, Arbeitslosigkeit, Technisierung aller Lebensbereiche, Jagen nach Vergnügungen, die nur vorübergehend Freude bereiten, Absterben des Gemeinschaftsgefühls und zunehmende Isolierung des Einzelnen, Korruption in der Politik, Verschwinden der Religion  und aller ethischen Werte.

Und dann stellen sie noch etwas anderes fest: die Zunahme von Menschen mit nicht weißer Hautfarbe. Noch in der Mitte des 20. Jahrhunderts war der typische Amerikaner weiß, gehörte der protestantischen Kirche und der Mittel- bzw. Oberklasse an. Dann kamen schrittweise die Veränderungen. Zum ersten Mal wurde mit Kennedy ein Katholik zum Präsidenten gewählt,

schwarze Menschen erkämpften sich Rechte, die sie nie vorher hatten, ein verlorener Krieg nagte am Nationalstolz und eine junge Generation machte den Versuch, die schöne Welt ihrer Eltern und des alten Amerikas radikal zu verändern. Nicht nur traten Afro-Amerikaner seitdem selbstbewusster auf, es gelang sogar einem von ihnen, zweimal zum Präsidenten gewählt zu werden.

Dann strömten von Süden her aus Lateinamerika, vor allem aus Mexiko, Menschen mit brauner Haut und fremder Sprache nach Amerika. Arbeit suchten sie, und amerikanische Unternehmer konnten diese Hispanics gut gebrauchen, arbeiteten sie doch in Jobs, für die sich Amerikaner zu schade waren, und es wurde ein Auge zugedrückt bei der Frage, ob sie auf legale oder illegale Weise ins Land gekommen waren.

Die USA waren schon immer ein Einwanderungsland, das Menschen aus allen Teilen der Welt zur Heimat wurde. Bislang stellten Afro-Amerikaner (ca.13%) und Hispanics (ca.16%) die beiden größten Minderheiten dar. Das Land aber erlebt aber zur Zeit eine Transformation von einer weißen, angelsächsischen Kultur in die Kultur einer globalisierten, multiethnischen Gesellschaft, in der „WASPs“, also angelsächsische protestantische Weiße zur neuen Minderheit werden. Laut U.S. Census waren  zwischen Juli 2010 und Juli 2011 50,4 Prozent der Babys schwarz, indianisch, asiatisch, hispanisch oder multiethnisch. Also weniger als die Hälfte aller Babys hatte eine weiße Hautfarbe. Das bedeutet, dass  im Jahr 2060 die Mehrheit auch der Erwachsenen nicht mehr weiß sein wird.

Die Weißen, vor allem die  Alten unter ihnen, die sich noch an die so genannten ‚guten alten Tage’ Amerikas erinnerten, merkten mit zunehmender Unruhe, wie Amerika sich veränderte. Sie erkannten bestürzt: Das neue Amerika war nicht mehr ihr Amerika. Zudem trugen die wachsende Automatisierung, die Globalisierung der Wirtschaft und der Abbau von Arbeitsplätzen zur Veränderung des Landes bei. Sorge um den Arbeitsplatz, mutmaßliche oder tatsächliche Konkurrenz durch fremdländische Arbeiter, stagnierende Löhne, Angst vor dem sozialen Abstieg führten in der Arbeiterklasse zum Gefühl der Ohnmacht und Machtlosigkeit angesichts einer Politik, von der sie glaubten, dass sie von ihr vergessen wurden. Politiker, Washington, die Elite, das ganze Establishment hatte sich gegen sie verschworen. Das zumindest glauben sie. Ärger und Wut stieg in  ihnen auf.

Dann kam ein Kandidat, der nicht nur Milliardär ist, sondern im Wahlkampf oft Dinge sagte, die seriöse Kadidaten eigentlich nicht sagen dürfen. So beschrieb er Mexikaner als Vergewaltiger, versprach, Muslimen die Einreise in die USA zu verweigern, machte sich lustig über einen behinderten Reporter, beschimpfte Frauen, die ihn sexueller Übergriffe anklagten, nannte den Klimawandel einen von den Chinesen erfundenen Schwindel, fand lobende Worte für Putin und weigerte sich hartnäckig, seine Steuererklärung zu veröffentlichen.

Das Unglaubliche geschah: Er gewann die Wahl, gegen die erfahrene Hillary Clinton, die Repräsentantin des Establishments, gegen die Eliten, gegen die Washingtoner Insiders.

Außer von Fox News, konservativen Radiokommentatoren und der Zeitung des Ku Klux Klan erhielt er keine Unterstützung von den Medien. Es war auch nicht nötig, denn trotz seines Sexismus, Rassismus, seiner politischen Ignoranz und seiner alle Normen sprengenden Rüpeleien gaben ihm vor allem weiße, konservative Wähler aus der Arbeiterschaft, aber auch die frommen Evangelikalen und selbst mehr Frauen als erwartet, ihre Stimme.

Warum wählten sie Trump, obwohl doch die Mehrheit seiner Wähler durchaus seine rassistischen, xenophoben und misogynen Äußerungen kannten? Wenn diese Anschauungen nicht nur Wahlkampfrhetorik waren, sondern Trump sie wirklich repräsentiert – seine Wähler haben nicht deswegen für ihn gestimmt. Der Vorwurf der Wahlverlierer, die Mehrheit des Landes habe dieselben Überzeugungen wie Trump, ist so pauschal nicht zutreffend. Sicherlich spielte bei vielen die Ressentiments gegen Schwarze und Hispanics eine gewisse Rolle, aber entscheidend war etwas anderes. Es war das Versprechen und Wahlkampfmotto Trumps, Amerika wieder groß zu machen. Der Wahlslogan „Make America great again“ weckte in den Menschen die Hoffnung, dass sie ihr Land zurückbekämen, „get their country back“.

Welches Land wollen sie zurückhaben? Wohl nicht das Land, in dem Schwarze Sklaven waren, so radikal rassistisch wollen sie nicht sein. Aber vielleicht doch das Land, in dem Segregation die Schwarzen auf die unterste Sprosse der sozialen Leiter stellte; das Land, in dem es noch keine Spanisch sprechenden Menschen gab und die Weißen allein das Sagen hatten? Die direkte Frage, ob sie dieses Amerika ‚zurückhaben’ wollen, wird sicherlich ebenfalls verneint. Es gibt eine ökonomische und sozialpolitische Erklärung. ‚Früher’ hatte jeder, der arbeiten wollte, einen Arbeitsplatz und verdiente genug Geld, um seine Familie zu ernähren. ‚Früher’ waren die Straßen sicher, es gab keine illegalen Einwanderer, es gab keine Drogen und Kinder gehorchten ihren Eltern. ‚Früher’ gab es keine Ehescheidungen und keine Abtreibungen. Kurz: ‚Früher’ war alles besser.

Das Land, das ihnen Trump zurückbringen will, ist ein nostalgisch erinnertes Land, eine kulturelle Welt, die von den Vorfahren geschaffen wurde, auf der Basis eines festen Wertsystems, das christlich bestimmt war und nicht von politischer Korrektheit korrumpiert war, ein Land, in dem man „Frohe Weihnachten“ wünschen durfte anstatt „Frohe Feiertage“, ein Land, ein Land, das als das mächtigste in der ganzen Welt galt.

Die angelsächsische, protestantische, weiße Kultur Amerikas ist im Schwinden begriffen oder vielleicht schon ganz verloren. Sie lässt sich nicht zurückbringen. Der Verlust ist endgültig.  Die Wähler Trumps übersahen seine Charakterfehler, weil sie ihrer nostalgischen Sehnsucht erlagen. Das Versprechen Trumps ist eine Illusion. Zwar hat er die Wahl gewonnen dank des Wahlsystems, des Electoral College, aber die Mehrheit der Wähler hat gegen ihn gestimmt. Das bedeutet, dass viele Amerikaner, Weiße und Farbige, Christen und Ungläubige die neue Realität des Landes erkannt haben. Diese neue Realität zu gestalten, eine neue amerikanische Kultur zu begründen, in der multiethnische Gruppen und sexuelle Minderheiten in Harmonie zusammenleben, das ist die Aufgabe für die Zukunft.

Die eingangs geschilderte Pastorale eines vergangenen Amerikas ist Nostalgie. Die Frage ist, in welcher Szenerie, in welchem Bild sich eine neue Identität Amerikas erzählen lassen wird.

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