Hildegard von Bingen – in Amerika genannt: „Sybil of the Rhine“

Sicherlich hat es mit dem Schwinden des religiösen Lebens und der zunehmenden Säkularisierung der Gesellschaft zu tun, dass seit den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts eine Esoterik-Welle Deutschland erfasst hat. Dass sie zu einer Massenbewegung mit Breitenwirkung geworden ist, zeigt, dass säkulare, auf Wissenschaft bauende Vernunft nicht den Verlust des Religiösen kompensieren kann. Esoterik ist ein Sammelbegriff für weltanschauliche Strömungen, die die Welt aus metaphysischer, spiritueller Sicht erklären und eine rein naturwissenschaftliche Betrachtungsweise ablehnen. Die Irrationalität des 21. Jahrhunderts, der Glaube an Übersinnliches und Irrationales äußert sich in vielen Manifestationen. Konjunktur haben Astrologen, Wundergläubige, Anhänger buddhistischer und hinduistischer Anschauungen, Reinkarnation, Wicca-Kult, Yoga, Meditation, Feng-Shui-Berater, Geistheiler, alternative Heilmethoden, die mit levitiertem Wasser, Farben, Düften, morphischen Feldern, Heilsteinen, allumfassenden Schwingungsenergien, Diät-Plänen usw. arbeiten. Der Esoterik-Markt ist unübersehbar und unbegrenzt. Gemeinsam ist den verschiedenen Glaubensjüngern die Überzeugung, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die der naturwissenschaftlichen Weltanschauung nicht zugänglich und erkennbar sind. Gemeinsam ist ihnen auch das höchste und letzte Ziel: Selbstfindung. Wem der über die Kirche überlieferte und vermittelte religiöse Glaube abhandengekommen ist, fühlt sich anscheinend „verloren“ und ist bestrebt, sich irgendwie und irgendwo zu „finden“.

Vor diesem Hintergrund überrascht nicht das Interesse an einer der bedeutendsten Persönlichkeiten des frühen Mittelalters und ihre große Popularität in Esoteriker-Kreisen. Es handelt sich um Hildegard von Bingen. Nicht ohne Grund befassen sich fast 900 Jahre nach ihrem Wirken Millionen Menschen in aller Welt mit ihrer Person und ihren theologischen, philosophischen, naturwissenschaftlichen und musiktheoretischen Erkenntnissen. Ohne je eine formale theologische Ausbildung erlangt zu haben, wurde sie schon in ihrer Zeit eine Autorität bezüglich kirchlicher Glaubensfragen. Mutig setzte sie sich über die für Frauen im Mittelalter bestehenden Schranken hinweg, so dass man sie aus heutiger Sicht als frühe Feministin bezeichnen könnte. Aber auch die esoterische Bewegung hat Aspekte und Elemente ihres Lebens entdeckt, die geeignet sind, sie zu einer Art Leitfigur zu erheben.

Geboren wurde sie 1098 als 10. Kind adliger Eltern, vielleicht in Böckelheim oder in Bermersheim, oder in Niederhosenbach – genaues ist nicht bekannt. Mit 14 Jahren trat sie ins Kloster Disibodenberg bei Kirn ein und wurde 1136 Äbtissin des aus der Klause entstandenen Frauenklosters. „Zwischen 1141 und 1151 arbeitete sie an bedeutenden in Latein verfassten Schriften, die sie auf ihre `Visionen` stützte. Schon 1147 sandte sie diese Schriften an Bernhard von Clerveaux, der bewirkte, dass sie von Papst Eugen III. auf der Reformsynode in Trier im gleichen Jahr anerkannt wurden. 1150 siedelte sie mit 20 Nonnen in das von ihr neu gegründete Frauenkloster Rupertsberg bei Bingen über und wurde in den Folgejahren zu vielen öffentlichen Predigten u.a. nach Mainz, Würzburg, Bamberg, Trier, Köln und Metz eingeladen. Weitere Schriften vor allem über die Heilkunde folgten. 1174 gründete sie ein zweites Kloster in Eibingen im Rheingau. Fünf Jahre später starb sie 1179 im Kloster Rupertsberg nach einem von einer geradezu unerschöpflichen Schaffenskraft und vielen Auseinandersetzungen geprägten Leben.

In vielerlei Hinsicht war Hildegard eine Pionierin. Sie war nicht nur die erste Frau, die ein Kloster gründete, sie komponierte auch ein geistiges Singspiel und über 70 Gesänge, in denen sie den dreieinigen Gott und die Heiligen, vor allem Maria, preist. Sie war aber auch die Erste, die Pflanzen auf ihre Heilkräfte für den Menschen untersuchte. Hierin liegt vor allem ihre Bedeutung für moderne, oft esoterisch eingestellte Menschen, die nach Alternativen zur medizinischen Wissenschaft suchen und sich lieber den Heilkräften der Natur anvertrauen wollen.

An der Nahe sind Bestrebungen im Gange, einen Hildegard Pilgerweg anzulegen, der den Wanderer zu den wichtigsten Stationen ihres Lebens führt. Möglicherweise bekommt er dabei auch die Gelegenheit, Hildegards Musik live oder auf CD zu lauschen. Da auch spirituelle Menschen leibliche Bedürfnisse haben, darf man davon ausgehen, dass clevere Gastwirte entlang des Pilgerwegs sich darauf einstellen, Speisen anzubieten, die auf Hildegards Rezepten für gesunde Ernährung basieren. Auch Spiritualität kann eine kommerzielle Komponente haben.

Auch Amerika hat die deutsche Heilige entdeckt und nennt sie „Sybil of the Rhine“. Schon 1983 wurde die „International Society of Hildegard von Bingen Studies“ gegründet. Ihre Mitglieder sind „scholars and enthusiasts interested in the promotion of the twelve-century magistra, visionary, theologian, composer, healer, artist leader of women, Saint and Doctor of the Church“. Die Aufzählung beschreibt umfassend die vielen Aspekte Hildegards Persönlichkeit. Unzählige Untersuchungen berichten über ihr Leben und Werk. Konzerte mit ihrer Musik finden großen Anklang. Die katholische Kirche erkennt ihre Bedeutung für die Kirche, Frauenverbände sind beeindruckt von ihrem Mut, als Frau einer mittelalterlichen Männerwelt zu trotzen, der Kommerz hat erkannt, wie man mit Hildegard-Rezepten und Naturprodukten Umsatz machen kann, und alle, besonders Esoteriker, sind fasziniert von ihren Visionen. Das ist nicht überraschend in einem Land, in dem die Naturwissenschaft zwar einen sehr hohen Rang einnimmt, in dem es aber gleichzeitig ungeheuer großes Interesse an Spiritualität und Esoterik gibt. Beweis dafür sind z.B. die Millionenauflagen der über sechzig Bücher des aus Indien stammenden Deepak Chopra, in denen er Thesen über den Menschen und alternative Heilmethoden entwickelt, die von seinen Kritikern als pseudowissenschaftliche „Quantenmystik“ bezeichnet werden. Hildegard brauchte zehn Jahre, um das Buch ihrer Visionen, „Scivias“ genannt, zu vollenden. In ihm hat sie in 26 Zeichnungen bildlich dargestellt, was ihr im Alter von „zweiundvierzig Jahren und sieben Monaten“ geoffenbart wurde: “Da kam aus dem geöffneten Himmel ein feuriges Licht von gewaltigem Glanz; es durchströmte mein ganzes Gehirn und entzündete mein Herz.“ Unter ihren vielen apokalyptischen Visionen vom Antichrist und der Endzeit findet sich auch eine, die prophesiegläubige Amerikaner sehr beunruhigt: „Die große Nation im Ozean, die von verschiedenen Stämmen und Abstammungen bewohnt wird, wird durch Erdbeben, Sturm und Flutwelle verwüstet werden. Sie wird geteilt zum großen Teil unter Wasser kommen. Das Volk wird auch viel Unglück auf See haben und verliert seine Kolonien.“ Ob Hildegard mit ihrer „großen Nation“ wirklich die vereinigten Staaten gemeint hat oder nicht – die Prophezeiung hat eine ausgedehnte Diskussion im Web (youtube) ausgelöst. Immerhin ist es bemerkenswert, dass eine deutsche Mystikerin des Mittelalters noch heutzutage manchen Amerikanern Angst einjagen kann.

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