Amerikas vergessene Kleinstädte in Literatur und Politik

Wer in Europa an Amerika denkt, sieht vor seinem geistigen Auge New York mit seinen Wolkenkratzern, Kalifornien mit Hollywood und Silicon Valley und vielleicht auch noch Washington mit Weißen Haus und Kapitol. Er sieht Ost- und Westküste, wo die sogenannten Eliten wohnen, die Intellektuellen und Reichen. Er sieht nicht, was zwischen den Küsten liegt, nämlich das sogenannte ‚Heartland‘, das Herzland Amerikas, in dem es zwar auch ein paar Riesenstädte gibt, aber eine unendliche Zahl von Kleinstädten. Im amerikanischen Selbstverständnis sind es diese Kleinstädte, in denen das Herz Amerikas schlägt, wo sich in den Bewohnern das wahre Wesen des Amerikaners am reinsten offenbart. Es handelt sich dabei nicht nur um eine geografische Bestimmung, sondern auch um eine kulturelle. Das Heartland ist der konservative Teil Amerikas. Neuerungen, mit denen Amerika die Welt beeinflusst hat, entstehen an den Küsten. Moderner Lebensstil, Pop-Kultur, Kunst, Unterhaltung, säkulare, moralischen Werte –  all das geht von den Küsten aus. Im Herzland wohnen die Farmer, Viehzüchter, Bergleute und Industriearbeiter. Wenn hier Neuerungen stattfinden, dann auf dem Gebiet der Landwirtschaft und Viehzucht. Die Musik des Herzlandes, deren Zentrum Nashvile, Tennessee, ist,  entspricht den Bewohnern. Sie ist die unkomplizierte Country Music, wie sie vom einfachen Volk auf dem Land geliebt wird.

Ein beliebter Topos in der amerikanischen Literatur ist die Kleinstadt. 1919 veröffentlichte Sherwood Anderson eine Sammlung von Kurzgeschichten unter dem Titel Winesburg, Ohio, das am Anfang einer literarischen Tradition steht, in der die Kleinstadt und ihre Menschen zentrales Thema sind. Andersons Geschichten erzählen die Geschichte von Personen, die mit dem Leben in der Kleinstadt fertig werden müssen  und an ihrer Isolation und Einsamkeit leiden. Da ist die Rede von Menschen, die unfähig zur Kommunikation sind, hoffnungslosen jungen Menschen, enttäuschten Ehefrauen und Alten, die nur noch in Erinnerung an vergangene Zeiten leben. Zusammengehalten werden die Geschichten durch die  düstere Stimmung, die die Erzählungen durchzieht und durch den Erzähler George Willard, einen jungen Reporter, der sie berichtet und manchmal miteinander verknüpft. In Winesburg gibt es keine glücklichen Menschen. Am Ende des Buches verlässt der junge Reporter seine  kleine Heimatstadt, befreit sich von ihr und geht hinaus in die große Welt.

In Sinclair Lewis‘  Roman Main Street steht eine junge Frau im Mittelpunkt, die vom Leben in einer kleinen Stadt desillusioniert und frustriert wird. Voller Idealismus versucht sie, die Stadt zu reformieren und zu modernisieren, erhält jedoch keine Unterstützung von ihren Mitbürgern. Sie muss realisieren, dass diese konservativ sind, keine neuen Ideen mögen und nicht abweichen wollen von der Routine ihrer langweiligen, unerfüllten Leben.  Der Zeithintergrund des Romans ist der Beginn des Ersten Weltkriegs, der Eintritt der USA in den Krieg und die ihm folgenden Jahre, einschließlich des Beginns der Prohibition.

Zeichnen Winesburg, Ohio und Main Street ein negatives Bild von der Kleinstadt, so gibt es auch das ganz andere Bild. Die Kleinstadt aus nostalgischer Perspektive gesehen als der Ort, wo das Leben der Menschen noch in geordneten Bahnen verläuft, wo Nachbarn sich über den Gartenzaun hinweg unterhalten, wo Kinder  auf den Straßen spielen und man alle Besorgungen auf der Main Street erledigen kann. Sie ist nicht nur Hauptstraße, sondern oft die einzige Straße. In ihr findet man das  Coffee Shop, die Bank, das Lebensmittelgeschäft, den Frisör  und die Post.  Diese Art Straße gab es früher einmal überall  in den kleinen Städten Amerika. Heute gibt es sie nur noch in den sogenannten ‚vergessenen‘ kleinen Städten, die oft nicht einmal auf den Karten verzeichnet sind, weil sie weit abgelegen von Großstädten und Autobahmen liegen. Oft sind sie der Ort in nostalgischen Unterhaltungsromanen und Filmen.

Meisterhaft erweckt Thornton Wilder in seinem Theaterstück  Our Town von 1938 eine solche Kleinstadt zu realistischem und gleichzeitig symbolischem Leben. In ihm schildert er die Geschichte der fiktionalen Kleinstadt Grover’s Corner in New Hampshire zwischen den Jahren 1901 und 1913, die er lebendig werden lässt durch die alltäglichen Leben ihrer Bürger. Ein Bühnen-Manager gibt eine Einführung und begleitet die handelnden Personen bei ihren täglichen Aktivitäten. Triviale alltägliche Dinge verbinden sich mit zeitlosen Themen wie die menschlichen Erfahrungen von seelischem Reifen, Liebe und Tod. Ereignisse wie Heiraten und Sterben bekommen durch die Kommentare des Bühnen-Managers  symbolische Qualität. In ihnen spiegelt sich das ewige Drama des menschlichen Lebens.

Andersons, Lewis‘ und Wilders Werke haben alle als zeitlichen Hintergrund die ersten zwei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts.  Die Romane des 1961 geborenen Steward O’Nan und des 1949 geborenen Richard Russo spielen in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts und am Anfang des 21. Jahrhunderts. Angesiedelt sind sie bei beiden Autoren in Kleinstädten ihrer Heimatstaaten – bei O’Nan in Pennsylvania , bei Russo in New York. Die Menschen in ihren Romanen entstammen der Mittel- und Unterschicht. Die menschlichen Beziehungen, Wohn- und Arbeitsverhältnisse, Joblosigkeit, Alkoholismus, Schicksalsschläge- all das wird von beiden Autoren mit Wärme und Empathie geschildert.

Das tragische Ereignis in O’Nans Snow Angels ist der Mord an Annie, dem früheren Babysitter  des Erzählers, der sich als Erwachsener an den Winter 1974 erinnert, an dem sich die tragischen Ereignisse entwickelten. Es ist die Geschichte seiner Kindheit, zunächst aus der Perspektive eines Fünfzehnjährigen erzählt, später aus der eines Erwachsenen, der sich erinnert : an die Scheidung seiner Eltern, Verlust des Vaters, an die Trennung Annies von ihrem Mann und endlich ihrem Tod. Es ist eine Geschichte von Verlust und Trauer, von Affären und Trennungen, die in auswegloser Trostlosigkeit  enden.

In Russos Roman Everybody’s Fool  steht im Mittelpunkt der sechzigjährige Donald Sullivan, genannt  Sully, der mit einem kaputten Knie und einem flotten Mundwerk in einer  dahin vegetierenden Kleinstadt im Staat New York zu überleben sucht.  Von seiner Frau geschieden, seinem Sohn entfremdet, verkrüppelt und praktisch arbeitsunfähig, verliert er dennoch nicht den Mut. Er hat die Hoffnung, dass, wenn er nicht aufgibt, ihm eines Tages doch noch das Glück lacht. Sein Realitätsverlust ist ihm nicht bewusst. Ihm liegt nichts an persönlichem Besitz. Trotz seiner elenden Situation ist er stets zu Späßen aufgelegt und flirtet mit allen Frauen. Seine Bekannten sehen in ihm den ewigen Spaßmacher, den Tor, der sie zum Lachen bringt, ihnen aber auch das Gefühl gibt,  im Vergleich mit ihm noch nicht die unterste Stufe der sozialen Leiter erreicht zu haben, von der die Menschen in dieser Stadt selbst nicht weit entfernt sind.

O’Nans und Russos Romane handeln alle von kleinen Leuten, von den gesellschaftlich Unbeachteten und Vergessenen. Ihre Alltagsproblemen, Enttäuschungen und Träumen werden weder sozial-romantisch, noch explizit sozial-kritisch dargestellt. Sie werden realistisch und mit großer Empathie geschildert, bei Russo oft auch in zum Schmunzeln reizenden komischen Situationen.

In einem Spiegel-Interview  zeigt sich Russo  überrascht, dass er, der sich bisher nur als „Geschichtenerzähler“ gesehen hat, zu politischen Themen befragt wird (Spiegel, 19.06.2017). In der Tat spiegelt sich in der Literatur auch eine politische Wirklichkeit, auch wenn es von Autoren nicht bewusst beabsichtigt ist.

Andersons, Lewis‘ und Wilders Romane haben als zeitlichen Hintergrund die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts. In Amerika beginnt die Industrialisierung und die ersten Auswirkungen des  technischen Fortschritts werden sichtbar. Das Leben in den Kleinstädten, das bis zum Beginn des Jahrhunderts eigentlich ein Landleben war, verliert seinen Charakter, verliert sein Selbstverständnis. Die Kleinstädte bleiben klein, wollen aber jetzt nicht mehr verträumte Nester bleiben, sondern wirklich ‚Stadt‘ werden. Industrialisierung und Kommerz gehören die Zukunft. Die Kleinstädte verändern sich und mit ihnen die Menschen. Die Jungen und Tatkräftigen versuchen den Absprung in die Großstadt, oder versuchen, zu Hause durch Modernisierungen des Geschäfts  erfolgreich zu sein.  Gelingt es nicht, enden sie als Gescheiterte. Die Alten kennen oft  wegen der vielen Neuerungen ihre Stadt nicht mehr wieder.

Der Zeithintergrund für O’Nans und Russos Romane sind die Jahrzehnte vor und nach der Wende zum 21. Jahrhundert. Es ist die Zeit, in der der Globalismus die dominierende wirtschaftliche Kraft geworden ist. Ihm sind viele amerikanischen Kleinstädte zum Opfer gefallen. Menschen aus den kleinen Städten fanden vor der Globalisierung Arbeit in Kohlenminen und Manufakturzentren. Kohle gehört zu einer veralteten Technologie und belastet die Umwelt. Also wurden die Minen still gelegt. Heimische Manufaktur gibt es nicht mehr, weil im Ausland billiger produziert wird. Der ‚Manufacturing Belt‘ wurde zum ‚Rust Belt‘. Das Resultat ist Arbeitslosigkeit für  ‚blue collar workers‘. Diese  einfachen Arbeiter aus den kleinen Städten‚ vergessene Städte‘ – wie sie oft von Politikern genannt werden – müssen ums Überleben kämpfen.

Aus ihnen stammt der Großteil  der  Menschen, die Trump zum Präsidenten gewählt haben. Ihnen versprach er im Wahlkampf, dass sie nicht länger „vergessen“ seien. Er werde für sie kämpfen, er werde Firmen, die ihre Fabriken ins Ausland verlegen, bestrafen, er werde den Rust Belt wieder zum Manufacturing Belt machen  und damit Arbeitsplätze in Hülle und Fülle schaffen. Sie haben ihm geglaubt, und sie glauben ihm anscheinend noch immer. Sie repräsentieren wohl  die dreißig Prozent deren Zustimmung er sich noch immer erfreut.

Trump hat begonnen,  Kohle und heimische Produktion zu fördern, indem er Korporationen bestimmte Umweltauflagen erlässt. Die Arbeitsplätze, die sie schaffen sind allerdings meist nicht da, wo Arbeit am meisten gesucht wird. Trump sagte dazu, die Leute „müssen anfangen, aus Gegenden wie dem Staat New York wegzugehen dahin, wo sie Jobs finden“. Überraschenderweise wollen aber viele Bewohner kleiner Städte ihre Stadt nicht verlassen. Amerikaner, die dafür bekannt sind, oft ihren Arbeitsplatz und Wohnort zu wechseln, sind heute sesshaft geworden. Nur halb so viele wie in den siebziger Jahren wechseln heute ihren Wohnort. Man vermutet mehrere Gründe dafür:  Man weiß nicht, ob es den Job, für den man weggeht, noch in ein paar Jahren gibt. Dafür den Ort zu verlassen, wo die Familie vielleicht seit  Generationen gelebt hat, ist teuer und riskant. Vielleicht fürchten die Menschen, die ihre Heimat nie verlassen haben auch den Aufbruch ins Unbekannte, in eine Großstadt, die sie nie gesehen haben. Deswegen sind manche Ökonomen wie Stieglitz der Ansicht, man solle nicht die Menschen zu den Jobs bringen, sondern die Jobs zu den Menschen (Stiglitz, Globalization and Its Discontents Revisited: Anti-Globalization in the Era of Trump). Dies würde allerding eine neue und verbesserte Infrastruktur voraussetzen, die von Trump zwar geplant und versprochen, aber bisher nicht in Angriff genommen wurde.

Die große Steuerreform, auf die Trump so stolz ist, weil sie nach seiner eigenen Aussage „the biggest tax cut in history“ – die größte Steuererniedrigung in  der Geschichte – ist, wird die Not der ‚vergessenen‘ Menschen nicht verringern, denn die meisten sind von der Steuer befreit, weil sie nicht genug verdienen.