Ungleichheit im amerikanischen Erziehungssystem

Seit Jahren wird beobachtet, wie die Kluft zwischen Armut und Reichtum immer größer wird. Die USA sind zwar eine demokratische Gesellschaft, wo Gleichheit vor dem Gesetz herrscht, aber sie sind auch eine Gesellschaft, deren Wirtschaft nach rein kapitalistischen Prinzipien funktioniert. Das hat zur Folge, dass die Chancen auf Erfolg nicht gleichmäßig verteilt sind. Die Weichen für Erfolg oder Misserfolg werden schon bei der Geburt eines Kindes gestellt. Das Kind von Eltern mit einem geringen Einkommen wird es schwer haben, im späteren Leben diesen Nachteil auszugleichen. Die Ungleichheit beginnt damit, dass das Kind wohlhabender Eltern in den Genuss all der Vorteile kommt, die durch Geld ermöglicht werden, wie z.B. eine bessere Betreuung und bessere Schule, von Nebensächlichkeiten wie besserem Spielzeug ganz zu schweigen. Extracurriculare Aktivitäten nach Schulschluss wie z.B. Clubs, Sport und Musikunterricht sind Privilegien, die Kinder wohlhabender Eltern genießen und die ihnen einen statistisch nachweisbaren Vorsprung geben beim Eintritt ins College (Bericht des National Student Clearinghouse, Herndon, Virginia, 2014). Das ist besonders gravierend, da in heutiger Zeit ein College-Abschluss eine wichtige Voraussetzung ist für einen anspruchsvolleren Arbeitsplatz. Nur so lässt sich der Lebensstandard der Mittelklasse aufrechterhalten.

Bis zur Beendigung der Highschool ist das amerikanische Bildungssystem für alle Schüler gesetzliche Pflicht und daher kostenlos. Ungleichheit kommt hier zustande durch die Art der Finanzierung der Schulen. Wohlhabende Eltern können ihr Kind auf eine gutausgestattete Privatschule schicken, die je nach Ansehen zwischen 3000 und 35.000 Dollar jährlich kosten kann, aber angeblich eine erstklassige Erziehung der Kinder bietet. Für die Masse der Schüler gibt es die Public Schools, die zu 12 Prozent aus förderalen Mitteln (federal), zu 44 Prozent vom jeweiligen Bundesstaat (state) und zu ebenfalls 44 Prozent vom lokalen Schuldistrikt (local) finanziert werden. Die Gelder werden erhoben durch Steuern auf private und kommerzielle Immobilien eines Distrikts. Liegt die Schule in einem armen Distrikt mit niedrigem Steuereinkommen, muss man davon ausgehen, dass ihre Lehrer schlechter bezahlt werden und weniger motiviert sind als Lehrer an Schulen in reichen Wohngegenden. Die negativen Folgen für den Lernerfolg des Schülers sind offensichtlich.

Ein Aufsichtsgremium für Schulen besteht in Form des School Board, dessen Mitglieder von den Schülereltern eines Bezirks (county) gewählt werden. Ihnen obliegt die Entscheidung, welche Programme die Schule anbietet und auch welche Bücher im Unterricht verwendet werden dürfen. Hier kann eine nicht finanzielle Art der Ungleichheit zum Tragen kommen. Einem Schüler, dessen Schule eine sehr konservative Elternschaft hat, kann es passieren, dass er Bücher von anerkannten Autoren wie Frances S. Fitzgerald, J. D. Salinger und Arthur Miller im Englischunterricht nie kennenlernen wird, da sie auf der Verbotsliste stehen der Schule stehen, weil sie von Elternschaft und School Board als anstößig oder nicht für Kinder geeignet empfunden werden. Von Biologiebüchern wird vor allem von evangelikalen Christen oft gefordert, dass sie Evolution nur als eine unbewiesene Theorie behandeln, und an einem Geschichtsbuch wurde kritisiert, dass bei einem Vergleich von Kapitalismus und Sozialismus letzterer zu positiv dargestellt würde. Wenn auch die Verantwortlich sich dagegen wehren, dass ihre Forderungen als Zensur bezeichnet werden, so ist es doch offensichtlich, dass die intellektuelle Entwicklung eines Schülers unter solchen Einchränkungen leidet und er weniger gut auf den Collegeeintritt vorbereitet ist als der Schüler einer liberalen Schule.

Nach der Highschool folgt für Schüler mit dem Ehrgeiz, später einen guten Arbeitsplatz zu ergattern, das Studium an einem College oder einer anderen Art Hochschule, das kostenpflichtig ist. Erschreckend ist, wie sich die Kosten über die letzten vierzig Jahre erhöht haben, während im gleichen Zeitraum die Löhne für Arbeiter stagniert haben oder sogar gesunken sind. Lagen die jährlichen Kosten für Studiengebühren plus Unterkunft und Verpflegung Anfang der 1970-er Jahre bei 10.975 Dollar, so sind sie auf einen Durchschnitt von 23.872 Dollar im Jahr 2012 gestiegen (National Center for Education Statistics). Kosten für Unterkunft und Verpflegung können kaum vermieden werden, da Studenten in der Regel auf dem College Campus wohnen. Vier Jahre dauert das undergraduate-Studium, das seinen Abschluss mit dem Erwerb des Bachelor findet. Das bedeutet, dass Eltern, deren Kind an einem solchen College studiert, fast 90.000 Dollar für vier Studienjahre aufbringen müssen.

Hier kommt das Prinzip der Ungleichheit zwischen arm und reich am deutlichsten zur Geltung. Eltern, denen diese finanzielle Bürde einfach zu schwer ist, können ihr Kind auf ein kleineres, unbekannteres College schicken, wo die Kosten um die Hälfe billiger sein können. Reiche Eltern dagegen können ihr Kind auf eine Spitzenuniversität, eine sogenannte Ivy-League-University wie Harvard, schicken. Vorausgesetzt, es wird überhaupt angenommen, kostet es die Eltern für ein Jahr über 58.000 Dollar, für vier Jahre ca. 235.000 Dollar, also den Wert eines Einfamilienhauses. Zwar gibt es für hervorragende Studenten Stipendien, aber sie sind die Ausnahme. Die Regel ist, dass viele Studenten gezwungen sind, während des Studiums zu arbeiten, um über die Runden zu kommen, und außerdem ein für Studenten relativ günstiges Darlehen aufzunehmen. Manche brauchen viele Berufsjahre, um ihre Schulden zu bezahlen, die niemals verfallen, selbst nicht im Falle einer legalen Bankrotterklärung. Dennoch nehmen viele diese finanzielle Bürde und das Risiko auf sich. Ein abgeschlossenes College-Studium ist nämlich heutzutage die beinahe wichtigste Voraussetzung, eine gutbezahlte Anstellung zu bekommen. Wer mit einen Bachelor-Grad sein Studium abgeschlossen hat, verdiente im Jahr 2013 im Schnitt 1.108 Dollar pro Woche, jemand mit College-Studium ohne Abschluss 727 Dollar, und jemand mit nur einem High-School-Diplom 651 Dollar (Bureau of Labor Statistics).

Einen Weg kostengünstigerer Ausbildung bieten die sogenannten Community Colleges, die in zwei Jahren den Abschluss bieten, einen Associate Degree, der die Studenten für den Eintritt in einen bestimmten Beruf qualifiziert, falls er nicht an einem weiterführenden College weiter studieren möchte. Studiengebühren, Wohnung und Verpflegung kosten beim Community College jährlich ca. 5.000 Dollar.

Präsident Obama hat Hochschulbildung zu einem der wichtigsten Themen für seine zwei letzten Amtsjahre gemacht. Sie soll für mehr Bürger bezahlbar werden. Deswegen hat er Anfang Januar 2015 vorgeschlagen, Gebühren für die zwei Community-College-Jahre vollkommen zu erlassen, was für Millionen von Studenten eine kostenlose Hochschulausbildung bedeuten würde. Über eine Periode von zehn Jahren soll dieser Plan sechzig Milliarden Dollar kosten. Es ist nicht geklärt, woher das Geld kommen soll, und es ist auch nicht zu erwarten, dass er von einem republikanisch dominierten Kongress ratifiziert wird. Aber immerhin ist dies ein Beitrag zur Verbesserung der Chancengleichheit im Bildungswesen und wird sicherlich in den nächsten Präsidentschaftswahlen ein nicht unwichtiges Thema sein.

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