Lebensfeier statt Trauerfeier

Die Amerikaner zeigen uns, wie man auch einem an sich traurigen Ereignis noch Humor abgewinnen kann. Lachen ist nicht nur erlaubt, sondern anscheinend sogar erwünscht. Wie anders kann man sonst Todesanzeigen wie die folgenden lesen:

„Susan … folgte am 5. Dezember um 5:41 Uhr einer Einladung zum Tee im Himmel.“ „Mary … schlich sich am Sonntag, dem 26. November, leise davon.“ „David … wurde am 4. Januar um 10:30 Uhr zu einem himmlischen Golfspiel eingeladen.“ „Robin … musste ihre lieben Söhne am 6. Mai verlassen, da sie ein Rendezvous mit ihrem liebenden Gatten hatte, der ihr voraus gegangen war und sie schon an der himmlischen Pforte erwartete.“ „Am 4. August, kurz nach Sonnenuntergang, sprang  Francis … mutig entschlossen ins Licht.“

Zugegeben: Nicht alle Todesanzeigen beginnen im Stil dieser Auswahl.  Die häufigste Formulierung, die das Wort „sterben“ vermeidet, ist einfach „passed away“ oder – etwas ausführlicher – „passed on to the other side“. Die deutsche Sprache hat kein wirkliches Äquivalent. Sie ersetzt das unverblümte „starb“ mit dem milderen „verstarb“, aber auch da ist noch die Rede vom Sterben. Amerikaner „sterben“ nicht, sie „gehen weg“. Wohin gehen sie? Wo ist „die andere Seite“? Die folgende Anzeige thematisiert diese Frage und lässt sie offen: „Am Nachmittag des 3. September fuhr Doris … zum Flughafen. Bevor sie das Flugzeug bestieg, rief ihr ein Bekannter zu ‚Wohin geht die Reise, Doris?‘  Doris antwortete lächelnd: Das weiß nur der Pilot.“ Das ist nicht der Anfang einer Kurzgeschichte, sondern der einer Todesanzeige, die bekannt gibt, dass Doris gestorben ist.

Allen Anzeigen gemeinsam ist, dass sie ein meist in jüngeren Jahren aufgenommenes Foto der verstorbenen Person enthält und mit ca. 50 Zeilen ihr Leben Revue passieren lässt.  Da wird berichtet, welche Schule und welches College sie besucht hat, welche Familienmitglieder ihr vorausgegangen sind und welche sie überleben und welche beruflichen Tätigkeiten sie ausgeübt hat.   Diese Information nimmt bei Amerikanern, die in ihrem Leben oft die verschiedensten Tätigkeiten ausüben, einen größeren Raum ein.

Z.B. ging Geoffrey, nachdem er in Washington D.C. geboren wurde, in Maryland zur Schule gegangen war, in Virginia das College besucht hatte, zunächst einmal nach Kalifornien, wo er einige Jahre als Hypothekenvermittler arbeitete. Dann wurde er Versicherungsagent in Oregan. In Wyoming verkaufte er Autos. Danach versuchte er sein Glück als Immobilienmakler in Colorada. Diese Tätigkeit schien erfolgreich zu sein, denn er setzte sie später in Florida bis zu seinem Tod fort. Neben dem Gelderwerb fand er auch noch Zeit für seine Hobbies. Er war sportlich sehr engagiert, trainierte eine Schüler-Fußballmannschaft, liebte Golf und Kegeln über alles und spielte am Abend gern mit seinen Freunden Karten. Familie und Freunde waren ihm überaus wichtig. Mit ihnen teilte er Freude, Lachen und Liebe. Er  war Mitglied der Presbyterianischen Kirche, wo er vier Jahre lang als Platzanweiser bei Gottesdiensten fungierte.

Francis, der „mutig entschlossen ins Licht sprang“ war zu Lebzeiten ein Anbeter der Schönheit. So war es ein Erlebnis für ihn, eine ungewöhnlich aussehende Wolke zu betrachten oder einen Adler, der auf einer Fahnenstange der amerikanischen Flagge saß. Er muss wohl sehr patriotisch gewesen sein, denn für alle, die ihn kannten, war er die „Verkörperung von amerikanischen Werten wie Arbeitsmoral und der ‚Man kann alles tun‘-Haltung (can-do-attitude)“.

Bob schien weniger seriös gewesen zu sein. Von ihm heißt es in der Anzeige augenzwinkernd, dass er schon in der Schule schlau und aufsässig gewesen war und sich sehr für Mädchen und Limericks interessiert habe.

Die Anzeigen enden meist mit der Angabe,  wann und wo die Gedächtnisfeier stattfinden werde. Man beachte die Bezeichnung: Nicht Trauerfeier heißt sie, sondern Gedächtnisfeier. Oft wird sie auch „Feier des Lebens“ genannt. Sie findet in einem Nebengebäude einer Kirche oder in einem anderen Zentrum für diverse kommunale oder politische Veranstaltungen statt.  Familienangehörige und Freunde des oder der Verstorbenen berichten von ihrer Freundschaft bzw. Beziehung zu der Toten, erzählen lustige Anekdoten von Ereignissen, die ihnen mit der Verstorbenen passiert sind – kurz: Man schwelgt in Erinnerungen an die Tote und betont, dass man nicht so sehr um sie trauert, sondern dass man ihr tolles, erfülltes Leben feiern will. Die Stimmung ist dem entsprechend nicht bedrückt, sondern auf dezente Weise fröhlich und man ist aufnahmebereit, bestätigt zu bekommen, was für eine ganz besondere Persönlichkeit die Verstorbene war.

Statt der „Feier des Lebens“ gibt es noch eine andere Tradition, die aber in den letzten Jahren etwas an Popularität verloren hat. Es handelt sich dabei um das sogenannte „Viewing“. Übersetzt heißt das Wort „Besichtigung“ oder “Anschauung“. Das Wort klingt befremdlich, und was damit gemeint ist, ist für Europäer ebenfalls befremdlich. Der Bestattungsunternehmer stellt die Leiche,  nachdem er sie einbalsamiert und mit Makeup versehen hat, zur Besichtigung im offenen Sarg aus. Es gibt den Angehörigen und Freunden Gelegenheit, die Tote noch einmal zu sehen und von ihr Abschied zu nehmen. Dank der Kunst des Bestattungsunternehmers sieht die Tote wie das blühende Leben aus. Die Menschen scheint es zu freuen, sie so im Gedächtnis zu behalten.

All dies sind amerikanische Traditionen, die es ermöglichen, den Schrecken des Todes zu verdrängen. Auch die religiöse Überzeugung der meisten Amerikaner, dass der Tod nur den Übergang in eine andere Dimension, eine Heimkehr zu Gott, dem Vater, bedeutet, nimmt dem Schmerz über den Abschied seine Kraft.

Es sei zum Schluss erwähnt, dass das oben Beschriebene sich abspielt im Milieu einer Gesellschaft, deren Mitglieder einigermaßen gebildet,  wohlhabend oder reich sind und in der Regel ein hohes Alter erreichen, wie es in Südwest-Florida der Fall ist.

 

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