Von den amerikanischen Pionieren zum Do-it-yourself

1956 wurde in der BRD mit der Werbung „Samstag gehört Papi mir“ die Kampagne um die Fünftagewoche gestartet. Der Erfolg war so groß, dass um die Mitte der 60-er Jahre fast niemand mehr am Samstag arbeiten musste. Genauer gesagt: Niemand musste mehr zum Gelderwerb arbeiten, aber viele wollten arbeiten und zwar bei sich zu Hause. Sie verlegten ihren Arbeitsplatz ins eigene Heim und wurden so zu sogenannten Heimwerkern. Damit wurde eine Bewegung ausgelöst, die mit Recht einen amerikanischen Namen erhielt: Do-it-yourself.

Was war geschehen, dass die Do-it-yourself-Bewegung so erfolgreich war und noch immer ist? Entstanden war sie zu einer Zeit, da die BRD sich auf dem Weg von der industriellen Gesellschaft hin zur postindustriellen Gesellschaft bewegte, d.h. zu einer Gesellschaft, in der die Mehrheit der Erwerbstätigen nicht mehr im produzierenden Gewerbe, sondern im Dienstleistungssektor beschäftigt war. Die wöchentlichen Arbeitszeiten wurden verkürzt. Doch die Arbeit in Büros wurde nervenaufreibender, und die Menschen suchten einen Ausgleich. Außerdem bot Heimwerken angesichts steigender Handwerkerlöhne eine gute Gelegenheit zu sparen. Ende der sechziger Jahre wurden die ersten Selbstbedienungs-Baumärkte eröffnet und boten die Möglichkeit, viele Arten von Arbeitsmaterialien auszuwählen. Damit hatte das alte deutsche Sprichwort „Die Axt im Haus erspart den Zimmermann“ seine moderne Bestätigung gefunden. Allerdings gehörte Papi samstags den Kindern immer noch nicht, denn er musste den tropfenden Wasserhahn reparieren, die Küche anstreichen und den Speicher wohngerecht ausbauen. Er war also nicht nur Zimmermann – er war auch Anstreicher, Installateur usw. All das gab es schon einmal – über hundert Jahre zuvor im Westen der Vereinigten Staaten.

Der New Yorker Journalist John O’Sullivan prägte 1839 in einem Zeitungsartikel das Wort „Manifest Destiny“, was sich ungefähr mit „offenkundige Bestimmung“ übersetzen lässt. Gemeint war damit, dass die USA von Gott den Auftrag zur Expansion hatten, d.h. den Auftrag, sich über den Westen des Kontinents auszudehnen und das Land jenseits des Mississippi in Besitz zu nehmen. Das weite, unbesiedelte Land war eine Verlockung für besitzlose Einwanderer. Außer ihrem Leben hatten sie nichts zu verlieren und so gingen sie das Abenteuer ein, sich im Westen eine neue Existenz zu schaffen. Sie waren die sogenannten „Squatters“. Ihre Siedlungen waren jedoch nicht permanent, da sie oft den Ort wechselten, und ihre Landnahme war vor Inkrafttreten des Homestead Act nicht legal. Der Homestead Act (Heimstättengesetz) von 1862, von Präsident Lincoln unterzeichnet, erlaubte Familien, sich auf unbesiedeltem Land im Westen niederzulassen, kostenlos ein etwa 64 ha großes Gebiet abzustecken und zu bewirtschaften. Nach einer Dauer von fünf Jahren wurde der Siedler zum rechtmäßigen Eigentümer des Landes. Fast sechshunderttausend Familien verließen daraufhin die ‚Zivilisation‘ des Ostens und wurden Pioniere im unzivilisierten‚ wilden‘ Westen. Noch heute steht die Figur des Pioniers im Zentrum der amerikanischen Folklore. Legendär verklärt lebt sie in Literatur, Volksmusik und Film. Man denke nur an die erfolgreiche Serie „Little House on the Prairie“, die auch im deutschen Fernsehen lief.

Das Leben der Pioniere im unbesiedelten Land war abenteuerlich, mühsam und voller Entbehrungen. Bäume mussten gefällt werden um Holz für den Bau einer Hütte zu haben, Land musste gerodet und für die Tiere eingegrenzt werden. Wenn kein Fluss in der Nähe war, musste ein Brunnen gegraben werden. Jagd und Pflanzenanbau sorgten für Nahrung. Eine unendliche Zahl von Arbeiten fiel an, und sie waren ihrer Art nach alle total verschieden. Das bedeutete für den Pionier- er musste „a Jack of all trades“ sein, ein Alleskönner, der alle Handwerksberufe ausüben konnte. Er hatte zwar keine Ausbildung, aber die Not machte erfinderisch, und der Pionier erfand sich selbst als Fachmann für alle Arbeiten, die erledigt werden mussten. Fachmann wurde er nicht durch Ausbildung an einer Schule, sondern durch Anwendung eines erfolgreichen Prinzips, des learning by doing. Das heißt, dass die Versuche, eine Aufgabe zu lösen, zum Experiment wurden, das entweder scheitern oder gelingen konnte. Egal, ob es scheiterte oder gelang, in jedem Fall hatte der Pionier durch die praktische Arbeit etwas gelernt.

In Deutschland ist man stolz auf die Handwerkstradition der dualen Ausbildung. Drei Lehrjahre bestehen aus praktischer Ausbildung in einem Meisterbetrieb und daneben dem Besuch einer Berufsschule, die dem Lehrling das theoretische Wissen vermittelt. Besteht er die anschließende Prüfung, ist er Geselle, darf aber noch nicht ein eigenes Geschäft führen. Erst wenn er nach mehreren Jahren die Meisterprüfung bestanden hat, darf er sich selbstständig machen, einen Betrieb eröffnen und Lehrlinge ausbilden.

Ganz anders in den USA. Hier ist die Pionier-Tradition des learning-by-doing noch heute lebendig. Eine formale Ausbildung ist nicht erforderlich. Zwar gibt es technische Schulen, die in einem einjährigen Programm theoretisches Wissen vermitteln – ein Jahr, das Geld kostet und kein Einkommen generiert. Also verzichten die meisten darauf. Stattdessen beginnen sie in einem lizensierten Handwerksbetrieb eine Lehre, die wesentlich aus on-the-job-training besteht, was eine andere Formulierung für learning-by-doing ist. Die meisten Staaten verlangen, dass Handwerker lizensiert sind. Nach zwei bis vier Jahren – von Staat zu Staat verschieden – kann der Lehrling eine Prüfung machen, um bei Bestehen die staatliche Lizens zu erhalten, die ihn berechtigt, selbstständig einen Betrieb zu führen. Offiziell heißt es, dass, wer einen Handwerker sucht, darauf achten muss, dass dieser lizensiert und versichert ist, weil nur so garantiert ist, dass gute Qualität bei Risikofreiheit für den Kunden gewährt ist. Das ist das Ideal. Die Wirklichkeit kann anders aussehen. Was, wenn der Kunde einen Handwerker erwischt, der wenig Erfahrung etwa mit dem Installieren einer elektrischen Leitung gehabt hat und daher mehr kostenpflichtige Arbeitszeit braucht, vielleicht sogar fehlerhaft arbeitet? Natürlich lernt der Handwerker bei dieser Arbeit aus seinen Fehlern, doch der Kunde ist der Leidtragende, denn er muss dafür bezahlen. Vergessen werden darf nicht, dass viele unlizensierter Unternehmer sich um Aufträge bemühen und sie auch bekommen, weil sie ihre Kunden überzeugen konnten, dass sie preiswertere Arbeit liefern können als die lizensierten. Das können sie auch, weil sie geringere Aufwandskosten haben – u.a. durch Ersparnis der Versicherungsprämien für ihre Angestellten. Die Folge ist die Existenz der sogenannte underground economy, die z.B. in Kalifornien auf 60 bis 140 Milliarden Dollar geschätzt wird. Möglich ist dies in einem Land, wo Unternehmergeist höher geschätzt wird als eine durch Zeugnisse legimitierte, formale Ausbildung. Das zeigt sich in der Antwort auf die Frage: What do you do for a living? (Wie verdienen Sie Ihren Lebensunterhalt?). Die Antwort ist immer sehr mehrdeutig. Sie kann z.B. lauten: I am in construction (Ich bin im Baugewerbe tätig), was bedeutet, dass der Gefragte Maurer sein kann, aber auch Architekt oder Bauunternehmer. Was er gelernt hat, ist nicht relevant. Entscheidend ist sein materieller Erfolg, und der lässt sich erkennen an seinem Lebensstil.

Es sei dahin gestellt, welches Ausbildungssystem das bessere ist – das deutsche oder das amerikanische. Handwerkerpfusch soll auch in Deutschland nicht unbekannt sein.

Wenn der deutsche Familienvater im do-it-you-self-Verfahren am Sonntag Tapeten an die Wand klebt, kann er stolz Mutter seine Arbeit zeigen und ihr vorrechnen, was er durch die Eigenleistung an Geld gespart hat. Wenn am Montag die Tapeten abzufallen beginnen, der Heimwerker nach der ersten Enttäuschung erkennt, dass er den falschen Leim verarbeitet hat, kann er aber doch voller Befriedigung sagen, dass er durch diesen Fehler wieder etwas gelernt hat.

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