Es menschelt allenthalben

Dies sind ernste Zeiten. Das Coronavirus hat unseren Alltag auf den Kopf gestellt. „Nichts ist so wie früher“, analysiert die Verkäuferin mit wissenschaftlicher Genauigkeit als Erklärung dafür, dass kein Klopapier mehr zu erhalten ist. „Und nichts wird nach der Krise wieder so sein wie es früher war“, schiebt sie philosophisch nach. Aber trotz dieser düsteren Prognose bietet sie einen Trost: „Klopapier wird es dann wieder geben.“

Krisen sollen angeblich die Menschen nachdenklich machen, sagen zur Psychologie neigende Menschen. Nachdenken über Klopapier führt zu Erkenntnissen wie z.B.: Verwendung von Klopapier ist eigentlich unhygienisch. Zeitungen klären auf und berichten, dass in asiatischen Kulturen schon immer die westliche Sitte der trockenen Gesäßreinigung als barbarisch angesehen wurde.

Es ist die Stunde der Wissenschaftler. Nicht das Problem der Gesäßreinigung ist deren dringendstes Problem in diese Tagen, sondern die Frage: Schützt das Tragen einer Atemmaske die Menschen vor Ansteckung? Präsident Trump berichtet jeden Tag im Fernsehen der Nation, wie viel Neuinfizierte und wie viel Gestorbene der Tag gebracht hat, wie toll seine Administration die Krise meistert und wie die weiteren Aussichten sind. Neben ihm stehen dabei zwei Virologen, die inzwischen in ganz Amerika und darüber hinaus bekannt sind und sich redlich bemühen, all die Unrichtigkeiten des Präsidenten so dezent zu korrigieren, dass der nicht allzu sehr blamiert wird. Die Debatte um die Atemmaske ging so aus: Trump empfahl das Tragen einer selbst genähten Maske, denn die (nicht erhältlichen, weil nicht vorhandenen) professionellen Masken sollen für medizinisches Personal reserviert sein. Seiner Empfehlung schickte Trump, der Führer der Nation, aber sofort hinterher, er persönlich würde keine Atemmaske tragen. Möglicherweise ist Ehefrau Melania keine geschickte Näherin, oder aber des Präsidenten orangenfarbiges Makeup würde unter einer Maske leiden.

Social Distancing ist das Schlagwort der Krise. Alle sind zum Distanzhalten verpflichtet: sechs Fuß mindestens oder – tatsächlich wörtlich – zwei Meter. Erstaunlich: Die Krise führt Amerikaner dazu, europäische Maßeinheiten kennen zu lernen.
Der Präsident darf Empfehlungen aussprechen, etwa die des Abstandhaltens, aber zu gesetzlichen Anweisungen sind nur die Gouverneure der einzelnen Staaten berechtigt. Die meisten Gouverneure haben – die einen früher, andere später – den Bevölkerungen ihrer Staaten Hausarrest auferlegt. Restaurants sind geschlossen, öffentliche Ansammlung von Personen verboten, Aktivitäten nur auf wesentliche, wie z.B. Lebensmittel und Medikamente einkaufen, beschränkt. Aber bei allem gilt: Abstand wahren.

Allerdings können Staaten ihre Unabhängigkeit von der Regierung in Washington beweisen, indem sie sich deren Empfehlungen entgegensetzten. So haben am 3. April

North- und South Dakota, Iowa und Nebraska noch immer nicht die Regel des Abstandhaltens zum Gebot erhoben, und die Menschen dort haben immer noch die
Freiheit, sich oder andere nach eigenem Gusto zu infizieren. Freiheit ist für Amerikaner ein hohes Gut, das von diversen Verfassungsartikeln geschützt ist. Auf sie beruft sich der Besitzer eines Golfplatzes in Pennsylvania in seinem Prozess gegen die Schließung der Einrichtung oder Eigentümer von Waffengeschäften, die sich der Schließung widersetzen mit der Begründung, gerade in diesen gefährlichen Zeiten sei Waffenbesitz besonders wichtig. Der Andrang auf die Geschäfte scheint ihnen Recht zu geben. Schließlich gibt die Verfassung dem Amerikaner das Recht, sich mit der Waffe gegen Eindringlinge zu wehren, die sein Klopapier rauben wollen.

Wenn räumliche Nähe nicht mehr erlaubt ist, wird nach anderen Möglichkeiten gesucht, Nähe herzustellen – oder die Illusion von Nähe. Zeitungen haben das Problem der erzwungenen Einsamkeit vieler Menschen, die zu Hause nicht wissen, wie sie die Zeit totschlagen sollen, erkannt und bieten Rezepte zum Ausfüllen der der endlosen Freizeit. Die Hausfrau bekommt ausführliche Ratschläge, wie sie etwa ihren Kühlschrank gründlich reinigen soll; der Hausherr soll sich in der Garage nützlich machen und da endlich aufräumen. Und wenn beide damit fertig sind, könnten sie gemeinsam überlegen, ob man nicht die Möbel umstellen soll, um der Wohnung ein neues Gesicht zu geben.

Was aber wichtiger als all diese Aktivitäten ist, das ist der Kontakt zu den Mitmenschen. Persönlich ist der ja nicht mehr möglich. Aber man hat ja dank Technik so viele Möglichkeiten: Man kann sich beim Nachbarn telefonisch erkundigen, wie es ihm geht, man kann mit seinen Lieben per E-mail oder Face-Time kommunizieren und sehen, wie die lieben Enkel ihre unterrichtsfreie Zeit genießen und den Eltern auf die Nerven gehen. Außerdem gibt es ja auch das Fernsehen. Endlich hat man die Zeit, all die Shows zu sehen, die man schon immer mal sehen wollte, aber aus Zeitmangel nie sah. Wenn alle Stricke reißen, kann man ja auch mal versuchen, ein Buch zu lesen.

Am 4. April erschien ein Brief in den Naples Daily News, der ein so positives amerikanisches Lebensgefühl ausdrückt, wie es amerikanischer nicht sein kann:

„Familien verbringen jetzt mehr Zeit miteinander, und Eltern umarmen ihre Kinder ein wenig enger. Kinder werden angeleitet zu kochen, zu backen und sogar die Erde im Garten zu bearbeiten, damit auf ihr gepflanzt werden kann. Geschäfte sind geschlossen, aber Unternehmen bieten an, Beatmungsgeräte, Atemmasken und Desinfektionsmittel herzustellen. Andere bringen Essen zu unseren Krankenschwestern, Ärzten, Feuerwehrleuten und zu den anderen, die uns zur Hilfe kommen. Lehrer fragen sich: Welchen Beitrag kann ich leisten? So bringen sie ihren Schülern Essen und vergewissern sich, dass sie genug zu essen haben.
Selbst unsere Regierung hilft uns, am Leben zu bleiben, fördert die Produktion lebenswichtiger Apparate und unterstützt uns mit Geld. Musiker geben uns im Internet

Konzerte, und in den Großstädten gehen sie auf die Balkone und singen gemeinsam.
Pfarrer rufen ihre Gemeindemitglieder an und fragen, wie es ihnen geht. Sie halten Gottesdienste im Internet ab und richten Gebetstelefone ein. So sehe ich dies alles als einen großen Segen.“
Hier endet der Brief mit seiner Beschreibung einer Welt, die so ideal erscheint, dass man sich fragt, ob es nicht logisch wäre, in der Coronakrise ein Geschenk Gottes zu sehen, für das man ihm danken sollte.

Ist denn das nicht eine wunderschöne Welt, die hier beschworen wird? Eltern, Lehrer, Ärzte, Feuerwehr, Pfarrer – ja selbst die Regierung – sie alle überbieten sich im Guttun und opfern sich für andere auf. Es gibt Amerikaner, die an so viel geballte Menschlichkeit glauben und diese Verhaltensweisen für spezifisch amerikanisch halten. Meist sind dies die patriotischen Amerikaner, in der Regel die Trump-Republikaner, die Amerika wieder „groß machen“ wollen. Von ihnen wird eine Solidarität vorgegaukelt, die allerdings keinem Faktencheck standhält.

Die anderen Amerikaner fragen sich, ob die Krise nicht die Chance bietet, dass nach ihr ein neues Amerika entsteht – ein Amerika, in dem das Prinzip einer echten Solidarität nicht nur in menschlichen, sondern auch in wirtschaftlichen Beziehungen verwirklicht wird.

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