Die USA – eine Republik von Gleichen

Wohl die meisten Deutschen halten die Vereinigten Staaten für eine Demokratie, sogar für die älteste der Neuzeit. Viele andere aber meinen, das stimme nicht, weil Frauen und Schwarze in den USA erst sehr spät das Wahlrecht erhielten. Beiden Aussagen unterliegt eine falsche Definition von Demokratie. Das nationale Treueversprechen der Amerikaner beginnt mit „I pledge allegiance to the Flag of the United States of America and the Republic for which it stands …“ Treueverpflichtung zur Fahne, die die Republik symbolisiert. Damit wird postuliert: Die USA sind keine Demokratie, sie sind eine Republik. Klarer definiert: Ihre Staatsform ist die der Republik. In ihr werden politische Entscheidungen getroffen von Repräsentanten, die von den Bürgern gewählt werden in der Hoffnung, dass sie deren Interessen vertreten. Ein solcher Repräsentant ist bei seinen Entscheidungen gebunden an die Verfassung, die Interessen seiner Wähler und – falls vorhanden – an sein Gewissen. James Madison, einer der Autoren der Verfassung, war leidenschaftlich für die repräsentative Regierungsform, weil er davon ausging, dass die gewählten Repräsentanten die „Weisheit“ besitzen, besser die Interessen des Landes zu erkennen, als die Wähler selber (Federalist No.10). Eine reine Demokratie als Staatsform würde Minderheiten keinen Schutz bieten, denn die Mehrheit könnte Entscheidungen ohne Rücksicht auf sie treffen.

Im Lauf seiner Geschichte mussten Amerikaner allerdings öfters an der Weisheit ihrer gewählten Vertreter zweifeln. Aber die Bürger konnten ihre als falsch erkannten Wahlentscheidungen in regelmäßigen Abständen korrigieren, nämlich durch neue, freie, geheime Wahlen. Und dies macht das demokratische Element aus und rechtfertigt Abraham Lincolns Definition von Demokratie als „government of the people, by the people, for the people“, als Regierung des Volks, durch das Volk, für das Volk (Gettysburg Address). Zusammenfassend lässt sich somit sagen: Die Vereinigten Staaten sind eine Republik, in der die Bürger durch demokratische Verfahren, genannt Wahlen, ihre Regierung wählen. Die Macht geht also tatsächlich vom Volk aus.

Die Tatsache, dass jeder Bürger das Recht auf eine Stimme beim Wahlgang hat, verführt viele auch zu der Illusion, eine „eigene“ Meinung haben zu dürfen, d.h. eine Meinung mit dem Anspruch auf Originalität. Doch nicht nur bestehen sie auf dem Recht der freien Meinungsäußerung, sie sind begierig darauf, auch Gehör zu finden für ihre Meinung. Mehr noch: Sie sind erpicht auf Zustimmung zu ihrer Meinung. Hier aber fangen die Probleme an. Die Rechte des Zuhörenden werden nämlich berührt. Muss dieser jede freiheitlich geäußerte Meinung ertragen? Es ist ein Missverständnis, dass in einer Demokratie alle gleich viel zu sagen haben, schon gar nicht gleich viel Richtiges. Von Daniel Moynahan, einem ehemaligen demokratischen Senator und Soziologen, stammt die treffende Bemerkung: „Jeder hat das Recht auf seine eigene Meinung, aber nicht das Recht auf seine eigenen Fakten.“ Wie man weiß, gibt es neben solide begründeten Meinungen auch solche, die entweder unbegründet sind oder die auf falschen Tatsachen beruhen. Die lediglich aus einem Gefühl heraus entstandene Meinung beruht nicht auf einem rationalen Argument und verdient daher auch kein Gegenargument, höchstens eine Zurechtweisung oder völlige Ignorierung. Wer eine Meinung äußert, die auf bewusst gefälschten Tatsachen beruht, muss der Lüge bezichtigt werden. Wer aber glaubt, dass jeder eine Meinung haben dürfe und dass seine eigene Meinung so richtig wie die eines anderen sei, irrt sich. Er vergisst nämlich, dass manche Menschen über mehr Sachkenntnis, über mehr Fakten verfügen und einfach besser informiert sind und ihre Meinung daher qualifizierter ist als die Meinung des weniger oder gar nicht Informierten. Hier zeigt sich ein problematischer Aspekt der Demokratie: die Neigung, alle Meinungen über einen Kamm zu scheren. Dieses Phänomen lässt sich nicht nur in den USA beobachten, sondern überall da, wo das demokratische Ideal der Gleichheit missverstanden wird.

Stammtische wie in Deutschland gibt es in den USA nicht. Aber die Stammtisch-Mentalität gibt es auch hier. Sie äußert sich bei Parties, in Leserbriefen und politischen Veranstaltungen, und man ist sich in diesem Milieu einig, dass fast alle College- und Universitätsprofessoren politisch links stehen und zur Demokratischen Partei gehören. Untermauert wird diese Auffassung durch eine Reihe Bücher, geschrieben von konservativen, zur Republikanischen Partei neigenden Autoren, die eine ziemlich überzeugende Fülle von Belegen bieten, aber wenig überzeugende Gründe für den geschilderten – in ihren Augen – Missstand angeben. Konservative Eltern, die ihr Kind aufs College schicken, müssen eine Menge Geld dafür zahlen. Unangenehm überrascht sind sie dann, wenn das Kind nach vier Jahren Collegeausbildung mit „unamerikanischen“ Ideen zurückkehrt, die für das Profitstreben nicht unbedingt förderlich sind. Konservative klagen, dass linke Professoren ihren elitären Status missbrauchen, um die naiven Studenten mit liberalen Ideen zu beeinflussen, die letztlich dazu führen, dass die Gesellschaft immer mehr durch säkulare und sozialistischen Tendenzen korrumpiert wird.

Der europäische Adelsstatus ist in den USA abgeschafft. Auch eine generationenübergreifende Klassengesellschaft im europäischen Sinn gibt es nicht, weil relativ schnelle Möglichkeiten des sozialen Aufstiegs wie auch Abstiegs innerhalb einer Generation feste Grenzen nicht aufkommen lassen. Was es aber in den Vereinigten Staaten gibt, ist eine Elite. So ist man sich darüber einig, dass die Gründerväter, die Autoren der Verfassung, eine Elite darstellten. Wie aber steht es mit der Elite in der Gegenwart? Unter welchen Bevölkerungsgruppen muss man sie suchen? Sind es die Professoren, die Politiker, die reichen Unternehmer, die Filmstars oder andere? Die Antwort hängt davon ab, wie man Elite definiert- und Definitionen gibt es viele. Eines aber steht fest: Wer immer zur Elite gehört – oder glaubt, dazu zu gehören – er darf es sich nicht anmerken lassen. Kaum ein Vorwurf wiegt schwerer als der Vorwurf des elitären Verhaltens. Als Amerikaner sind wir nämlich alle gleich.

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