Die Rolle der Religion in der amerikanischen Gesellschaft

Der französische Historiker Alexis de Tocqueville bereiste 1826 die Vereinigten Staaten. Seine Erfahrungen beschrieb er in Über die Demokratie in Amerika. Obwohl sein Interesse politischer und sozialer Natur war, konnte er nicht umhin festzustellen, welch immense Macht die Religion im öffentlichen Leben der Amerikaner einnahm. „Es gibt kein Land in der Welt, wo die christliche Religion einen größeren Einfluss auf die Seelen der Menschen hat als in Amerika; und es gibt keinen größeren Beweis ihrer Nützlichkeit und ihrer Angemessenheit für die menschliche Natur als ihr mächtiger und wirkungsvoller Einfluss auf die aufgeklärteste und freieste Nation der Erde.“ Tocqueville geht so weit zu behaupten, dass in Amerika „Religion die erste der politischen Institutionen ist.“ Wie ein roter Faden zieht sich seit Bestehen der Nation die Suche nach Werten durch die amerikanische Geschichte, wobei Werte immer in Bezug zu religiösen Vorstellungen standen. Diese Suche entspricht der spirituellen Sehnsucht nach dem moralisch ‚guten‘ Leben nicht nur des Einzelnen, sondern dem der ganzen Nation. Drei religiöse Erweckungsbewegungen sind Zeugnis dieser Suche.

Die erste, genannt First Great Awakening, fand statt zwischen 1740 und 1760. Prediger wie Jonathan Edwards und George Whitefield zogen durchs Land und rüttelten die Gemeinden auf zu einem religiösen Enthusiasmus, der von den Menschen nicht die intellektuelle Reaktion auf das biblische Wort Gottes forderte, nicht das gehorsame Unterordnen unter Kirchenlehren, sondern das völlig subjektive emotionale Bekenntnis des Menschen zu seinem Schöpfer. Elemente dieser Haltung wie etwa das demokratische Moment der subjektiven Entscheidungsfreiheit des Einzelnen, gelten als Vorläufer einer Entwicklung, die große politische Folgen hatte: Sie führten zur amerikanischen Revolution und der Trennung von England.

Die zweite religiöse Erweckungsbewegung fand statt vom Ende des 18. Jahrhunderts bis Mitte des 19.Jahrhunderts. Vorausgegangen war vor allem unter besser gebildeten Schichten ein wachsender Skeptizismus gegenüber traditionellen Glaubenswahrheiten. So hatten z.B. die Transcendentalists in Neuengland unter Führung Ralph Waldo Emersons als Folge unitarischer Tradition den Deismus zu ihrer Philosophie gemacht. Dagegen wandte sich die neue Bewegung und betonte die Bedeutung von persönlicher Frömmigkeit und subjektiver Gotteserfahrung gegenüber reglementierter Kirchenlehre und philosophischen Spekulationan. Neue religiöse Sekten entstanden. Die Gründung der Mormonen-Kirche fällt in diese Zeit. Bestehende Kirchen führten neue Formen des Verkündens ein. Nicht mehr nur in Kirchen ging man, sondern traf sich in sogenannten Camp Meetings, die auch Menschen in abgelegenen Gegenden an der Westgrenze Gelegenheit zum Gottesdienst gaben. Es war die Zeit, in der die USA sich immer weiter nach Westen ausdehnten und die Bevölkerung auf 30 Millionen anwuchs. Die protestantischen Kirchen waren in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts von der Theologie des Postmillennialism beherrscht, dem Glauben, dass nach einer tausendjährigen Periode des Glücks und des Friedens Jesus auf die Erde zurückkehrt. Anfangs glaubten viele, dass der Beginn dieses Reichs unmittelbar bevorstände. Das war der Anlass, eine Reihe von Bestrebungen in die Wege zu leiten, die geeignet waren, das ‚glückliche und friedliche‘ Jahrtausend möglichst schnell einzuleiten. Dieser Glaube verflüchtigte sich zwar im Lauf der Zeit, aber die sozialen Reformen, die er anregte, führten später zu wichtigen politischen Veränderungen. Der Kampf gegen Alkoholkonsum (Temperance Movement), der in der Prohibition fast hundert Jahre später kulminierte, begann während der ‚Zweiten großen Erweckung‘. Von größter Bedeutung war der aufkommende Widerstand gegen die Sklaverei. Unter den Gegnern, den abolitionists, befanden sich viele Frauen, die bei der Gelegenheit entdeckten, dass auch sie zu den Unterdrückten der Gesellschaft gehörten. Es begann die Frauenbewegung, und mit ihr der Kampf um das Wahlrecht für Frauen.

Die dritte Erweckungsbewegung, die sich über die zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und den Anfang des 20. Jahrhunderts erstreckte, war im Anfang überschattet vom Bürgerkrieg, der jedoch zur Abschaffung der Sklaverei führte. Die protestantischen Kirchen, oft unter Führung von Frauen (The Woman’s Christian Temperance Union) kämpften mit christlichem Glaubenseifer gegen soziale Missstände der Zeit. Sie führten Kreuzzüge gegen Kriminalität, Armut, Kinderarbeit und Ausbeutung, wie sie besonders während des Gilded Age an der Tagesordnung war. Ihr Kampf gegen Alkoholismus gipfelte in der Prohibition von 1919-1933. Ihr Kampf für das Wahlrecht für Frauen führte 1920 zum Sieg als das Wahlrecht auf Bundesebene eingeführt wurde. Mary Baker Eddy begründete 1879 die Christian-Science-Kirche und auch die Sekte der Zeugen Jehovas entstand in den siebziger Jahren. Der erste Christliche Verein junger Männer (YMCA) wurde 1852 gegründet. Allen diesen Bestrebungen gemeinsam ist der Wille, die christliche Ethik auf die Bewältigung sozialer Probleme anzuwenden.

In allen drei Erweckungsbewegungen findet sich die Bestätigung der These de Tocquevilles, dass in Amerika religiöse Wertvorstellungen den politischen und sozialen Veränderungen vorausgehen. Die große Revolution in den sechziger und siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts wird von dem Wirtschaftshistoriker Robert Fogel als die vierte Erweckungsbewegung bezeichnet, insofern er vor allem im Evangelikalismus die Triebkraft erkennt, die Amerikas moralische Entwicklung zu immer mehr Verwirklichung von politischer Gleichheit antreibt. Diese Ansicht ist allerdings kaum zu belegen. (Robert Fogel, The Fourth Great Awakening and the Future of Egalitarianism, 2000). Zwar gab es Veränderungen bezüglich der Kirchen. Die gemäßigten (mainline) protestantischen Kirchen verloren in großen Mengen Mitglieder und damit politischen Einfluss, während die radikal konservativen Kirchen wie z.B. die Southern Baptists sowohl ihre Mitgliederzahl als damit auch ihre politische Macht beträchtlich vergrößern konnten.

Argumente und Motivation der 68-er Revolution waren nicht religiös beeinflusst, zumindest nicht vordergründig. Eher trifft das Gegenteil zu: Der Aufstand der Jugend war ja gerade aus Misstrauen gegenüber der alten, religiös beeinflussten „verstaubten“ moralischen Wertvorstellungen entstanden. Die gesamte westliche Moraltradition wurde hinterfragt, ihre Autorität abgelehnt und Erziehung in ihrem Sinne als Indoktrination gebrandmarkt. Neben politischen Themen (Vietnamkrieg) stand im Zentrum der Bewegung das Thema Emanzipation des Individuums. Befreien wollte man sich von den Zwängen der Religion, der bürgerlichen Moral und ihren Konventionen wie sie sich vor allem in den Institutionen der Ehe und Familie verkörperten. Kulturell brachte die Revolution sexuelle Freiheit nicht nur für den Mann, sondern auch für die Frau und damit für ihre Emanzipation von der traditionellen Rolle als Ehefrau und Mutter.

Nachdem die Menschen sich befreit hatten von den „verstaubten“ Werten der Vergangenheit, sahen sie sich konfrontiert von einem Werte-Vakuum, das gefüllt werden musste. Selbstverwirklichung wurde zum Ziel erklärt. Doch auch diese kam nicht ohne Werte aus. Aber in welchem Wertsystem sollte sich das Selbst verwirklichen? In den der 68-er Revolution folgenden Jahrzehnten gab es ein reichhaltiges Angebot an Möglichkeiten, dem Leben Sinn zu geben. Es gab die Hinwendung zu östlichen Religionen und Philosophien, es gab transzendentale Meditation, New Age, Scientology, usw. Alle diese Tendenzen sind letztlich Ausdruck einer spirituellen Sehnsucht nach einem sinnerfüllten Leben, und insofern gar nicht so weit entfernt von einer religiösen Sehnsucht wie sie in der amerikanischen Geschichte schon immer lebendig war. Diese esoterischen Versuche blieben allerdings auf Minderheiten beschränkt. Während sich andere Minderheiten, nämlich die Evangelikalen, der Demokratisierung und Relativierung von Wertvorstellungen verweigerten und bei ihrer auf die Bibel gestützten Befolgung der Zehn Gebote beharrten, ist die säkulare Mehrheit gezwungen, sich ihre Werte selbst zu schaffen oder aber ganz auf ein verbindliches Wertsystem zu verzichten. Das ist die Situation von heute, die allenthalben als Krise der Gesellschaft erlebt wird.

Am deutlichsten offenbart sich die Krise am Zusammenbruch der traditionellen Familie. Heute wird etwa die Hälfte aller Ehen geschieden. 29 Prozent aller weißen und 72 Prozent aller schwarzen Kinder werden unehelich geboren. 48 Prozent der Kinder, die von alleinerziehenden Müttern aufgezogen werden, leben in Armut, 71 Prozent von ihnen beenden nicht ihre Schulausbildung und 75 Prozent werden drogenabhängig. Kinder alleinerziehender Eltern haben das doppelte Risiko kriminell zu werden als Kinder aus Familien mit beiden Elternteilen. (Zahlen aus www.childstats.gov).

Diese Zahlen sind beredter Ausdruck für den Zustand einer Gesellschaft, die sich in hohem Maß von den traditionellen Werten verabschiedet hat, in der Hoffnung, sich ihre eigenen Werte zu schaffen auf dem Weg zur Selbstverwirklichung des Individuums. War die Institution Ehe in früheren Zeiten ein von Gott gestiftetes Sakrament und eine Verbindung von Mann und Frau, wird sie in der säkularen Gesellschaft verstanden als ein zwischen zwei Menschen, auch gleichen Geschlechts, geschlossener Vertrag, den sie, wenn sie es im Sinne der Selbstverwirklichung und persönlichen Autonomie für geraten halten, auch wieder auflösen können. Keine moralische Autorität, kein gesellschaftlicher Druck, wie es ihn früher einmal gab, steht im Weg. Im Gegenteil, alle Lebensstile sind gleichwertig und müssen akzeptiert werden. Wo sich die gesellschaftliche Verbindlichkeit der Werte verflüchtigt hat, bleibt lediglich ein Wert bestehen: Toleranz. Fast alles wird toleriert – außer Intoleranz.

Wie die statistischen Zahlen zeigen, haben die Liberalisierung und Relativierung der Werte eine Situation herbeigeführt, in der vor allem Kinder die Leidtragenden sind. Teenagerschwangerschaften, Abtreibungen, Jugendkriminalität sind Probleme, die die Erwachsenen der nachwachsenden Generation aufbürden. Kinder müssen den Preis zahlen für die persönlichen Erfüllungswünsche der Erwachsenen. Die Medien leisten ihren Beitrag zu dieser Entwicklung. Zwar berichten sie über die Zahlen von Ehescheidungen, alleinerziehenden Müttern usw., aber nicht kritisch, sondern im Gegenteil oft beschönigend, nach der Devise, schließlich sind alle Lebensstile gleichwertig. Schlagzeile in einer Zeitung: „Wer braucht schon einen Mann? Unverheiratet und frei. Immer mehr alleinstehende Frauen suchen flüchtige Bekanntschaften, um Babies zu empfangen, die sie allein aufziehen wollen.“ Oder man liest Berichte über die sogenannten Patchwork-Familien und wie glücklich die Kinder in ihnen aufwachsen, weil sie mehr Väter bzw. Mütter und Großeltern haben als die Kinder in einer normalen Familie.

Es gibt Zyniker, die sagen, dass die Kinder, die erst gar nicht geboren werden, am glücklichsten sind. Ganz zu schweigen von den Vorteilen für ihre Erzeuger: Weder werden diese in ihrer Freiheit begrenzt, noch entstehen ihnen finanzielle Sorgen. Seit einem Urteil des Obersten Gerichts von 1973 haben Mütter das Recht der freien „Wahl“, nämlich zu entscheiden, ob sie eine Schwangerschaft durch Abtreibung beenden wollen oder nicht. Heute entscheiden sich 22 Prozent aller Mütter für den Schwangerschaftsabbruch, d.h. täglich werden ca. 3000 Abtreibungen vorgenommen. Angesichts der Tatsache, dass in den USA wie in anderen Industriegesellschaften der Anteil der nicht mehr arbeitenden Alten anwächst und immer weniger Arbeitskräfte für die Finanzierung der Altersrente (Social Security) zur Verfügung stehen, warnen Ökonomen vor einem drohenden wirtschaftlichen Desaster. Seit 1973 hat es über 50 Millionen Abtreibungen gegeben. Das hat zur Folge, dass das Land eine ganze Generation künftiger Produzenten, Konsumenten und Steuerzahler verloren hat.

Trotz des Urteils des Obersten Gerichts von 1973, das Schwangerschaftsabbruch erlaubt, war der Widerstand gegen Abtreibung alles andere als erlahmt. Vor allem waren es die evangelikalen Kirchen, die sich am entschiedensten gegen eine Maßnahme wandten, die ihrer Auffassung nach Mord war und dem göttlichen Gebot widersprach. Unterstützt wurde diese Haltung von der Republikanischen Partei, wobei es – wie immer bei politischen Parteien – schwer fällt zu unterscheiden zwischen moralischer Motivation und politischem Kalkül. Ist es der beharrliche und leidenschaftliche Kampf konservativer Kräfte gegen Abtreibung, der Wirkung zeigt? Ist es eine überlebende Restreligiosität, die Gewissensbisse bei der Vernichtung von ungeborenem Leben entstehen lässt? Jedenfalls scheint inzwischen die Ablehnung der Abtreibung auch im säkularen Teil der Bevölkerung zuzunehmen.

Die Diagnose der gesellschaftlichen Wertekrise wird von niemandem bestritten. Doch hinsichtlich der Therapie gibt es unterschiedliche Auffassungen. Der Fußballtrainer Bill McCartney gründete 1990 eine christliche, keiner bestimmten Kirche angehörende, Organisation, ausschließlich für Männer und gab ihr den Namen Promise Keepers – Männer, die ihr Wort halten. Die Organisation wuchs sehr schnell, so dass sich 1997 ca. 1,5 Millionen Männer unterschiedlicher Gesellschaftsschichten und Konfessionen zu einer Großkundgebung in Washington versammelten, um zu beten und zu demonstrieren, worum es dieser Männerbewegung ging. Es ging ihr um ein auf die Bibel und Jesus Christus gegründetes persönliches Glaubensbekenntnis, aus dem heraus sie sieben Versprechen entwickelten. Darunter sind die Versprechen, in moralischer und sexueller Lauterkeit zu leben und sich ganz der Ehe und Familie hinzugeben, weil deren Tragfähigkeit von dem Schutz des Mannes und seinem Leben auf Basis biblischer Werte abhängt. Die Promise Keepers sind eine reine Männerbewegung, basierend auf der Erkenntnis, dass die Männer auf der ganzen Linie versagt haben. Sie haben ihre traditionelle Rolle als Familienoberhaupt abgegeben und sich der Verantwortung entzogen, die sie nach Paulus in der Familie und der Kirche übernehmen müssten. Die Folge war, dass die Frau die ganze Bürde und Verantwortung für Familie und Kinder allein tragen musste. Ein schwarzer Pastor gab den Männern den Rat, ihren Frauen das Folgende zu sagen: „Ich habe es in der Vergangenheit versäumt, diese Familie zu leiten und habe Dich damit gezwungen, meinen Platz einzunehmen. Jetzt will ich diese Rolle wieder übernehmen. Gott will nicht, dass Du diese Bürde tragen musst.“ Es wäre zu erwarten gewesen, dass Frauen dem Programm der Promise Keepers wenigstens ein klein wenig Anerkennung gezollt hätten, wo es doch von Männern verlangt, dass sie ehrlich, treu und respektvoll zu ihren Familien sind, ihre Emotionen zeigen, niemals ihre Frauen betrügen und niemals gewalttätig werden. Doch statt Zustimmung kam Widerstand. Feministinnen nahmen Anstoß am Ausschluss von Frauen und die National Organization for Women startete ihren Kreuzzug gegen die Promise Keepers mit der Begründung, dass diese die Dominanz des Mannes und das überwundene Patriarchat wieder einführen wollten. Im Grunde seien die Promise Keepers eine religiös getarnte, politische konservative Organisation. Was immer die Promise Keepers waren und sind, entweder der Versuch zur Rettung von Ehe und Familie, oder der getarnte Versuch der Wiedereinführung des Patriarchats – als eine die Gesellschaft verändernde religiöse Bewegung sind sie gescheitert. Es gibt auch heute noch kleine Gruppen, die aber kaum wahrgenommen werden.

Würde Alexis de Tocqueville die heutigen Vereinigten Staaten bereisen, würde seine Analyse bezüglich der Bedeutung der Religion in der amerikanischen Gesellschaft anders ausfallen. Evangelikale Christen beharren auch heute noch auf der Bibel als dem Maßstab aller Werte. Nur teilt die überwiegende Mehrheit nicht mehr ihre Überzeugungen. Auch konservative Politiker berufen sich noch immer auf biblische Begründungen ihrer Wertvorstellungen. Aber da das Ansehen der Politiker auf einem Tiefpunkt angekommen ist, werden ihre moralischen Appelle weitgehend von einer skeptischen Öffentlichkeit ignoriert. Religion ist nicht länger mehr eine wirklich treibende Kraft in der Politik und im gesellschaftlichen Leben. Eine religiöse Erweckungsbewegung, wie es sie in der Vergangenheit mehrmals gegeben hat, ist unvorstellbar geworden. Zwar sind die Gottesdienste immer noch gut besucht. Aber Zugehörigkeit zu einer Kirche bedeutet für viele dasselbe wie Mitgliedschaft in einem sozialen Club. Die Mitglieder gehören derselben Gesellschaftsschicht an, man kennt einander und pflegt gemeinsam die traditionellen kirchlichen Rituale. Auch die konservative Partei stellt sich gern als die Hüterin traditioneller, christlicher Werte dar und glaubt damit, für alle patriotischen Amerikaner zu sprechen. Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Nur noch 19 Prozent der Kirchgänger akzeptieren die Autorität der Bibel, während ebenso viele sie anzweifeln (American Bible Society Survey). 20 Prozent aller Amerikaner und 30 Prozent der unter Dreißigjährigen gehören zu den „Nones“, d.h. zu jenen, die sich mit keiner Religion identifizieren (Pew Research Center). Als Folge des Kreuzzugs prominenter Atheisten wie Richard Dawkins, Frank Harris und Christopher Hitchens, die in öffentlichen Debatten anprangern, was sie als Ungereimtheiten und Schwindel des Christentums zu erkennen glauben, dürfte auch die Zahl der Atheisten beträchtlich zugenommen haben.

Wenn Amerikaner vom „cultural war“, vom Kulturkrieg in ihrem eigenen Land sprechen, meinen sie damit den Konflikt zwischen dem Stellenwert, den die judeo-christliche Tradition im öffentlichen Leben einnimmt und der zunehmenden Macht des Säkularismus, der dabei ist, diese Tradition zu verdrängen. Während im eigenen Land die judeo-christliche Tradition vom wachsenden Säkularismus bedroht ist, kommt von außerhalb des Landes eine viel größere Bedrohung: die Bedrohung durch den extremen Islamismus, der der gesamten westlichen Welt den Krieg angesagt hat. Dieser wirft dem westlichen Liberalismus den moralischen Sittenverfall vor, wie er sich manifestiert in Blasphemie, Familienfeindlichkeit, Homosexualität, Prostitution, Abtreibung, Sexualität in Werbung, Fernsehen und Filmen. All diese Phänomene sind Aspekte der Freiheitsrechte, die der westliche, säkulare Mensch für sich beansprucht. Es ist schon sehr ironisch, dass amerikanische und islamistische Fundamentalisten übereinstimmen in ihrer moralischen Verurteilung dessen, was sie beide als die Dekadenz der liberalen Gesellschaft bezeichnen.

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